22. ilb 07. - 17.09.2022

Lütfiye Güzel

Lütfiye Güzel wurde 1972 in Duisburg-Hamborn geboren und wuchs zweisprachig (Türkisch/Deutsch) im Bezirk Marxloh auf. Nachdem sie einige Semester an der Universität Duisburg studiert hatte, wurde sie freischaffende Lyrikerin und Autorin.

In ihren Texten, Gedichten und Kurzprosa, reflektiert sie existenzielle Themen wie Herkunft, Einsamkeit oder Armut, die sie in Beobachtungen des Alltags an sozialen Brennpunkten im Ruhrgebiet einbettet. Oft wurden diese Texte über die Ruhrpott-Tristesse mit ihrem lakonischen Ton in der Tradition von Charles Bukowski oder William Carlos Williams gesehen bzw. dem »Social Beat« der 1990er Jahre zugeordnet. Anfangs verteilte sie ihre Texte auf losen Blättern oder als Aufkleber und publizierte sie in verschiedenen Literaturzeitschriften und Stadtmagazinen. 2012 erschienen mit »Letʼs go Güzel!« und »Herz-Terroristin« ihre ersten beiden Bücher in einem kleinen Duisburger Verlag. Güzel zeigt sich als Meisterin der kleinen Form, die beiden Bände trafen auf große Resonanz bei Publikum und Presse. Nach dem dritten Band »Trist olé!«, dessen Texte ebenfalls vom Grundton eines desillusionierten Duisburger Lebensgefühls geprägt sind, verabschiedete sich Güzel von gängigen Verlagspraktiken und gibt seit 2014 ihre Novellen, Gedichte und Selbstgespräche unter ihrem eigenen Label Go-Güzel-Publishing heraus. 2016 erschien die Novelle »Oh, No!«, in der wiederum der Ort ihrer Herkunft im Mittelpunkt steht: »Hier war Duisburg. Marxloh. […] Die Polizisten trauten sich da nicht mehr rein. Nur noch die Ratten, behauptete man. Menschen, die jeden Tag aufwachten, in die Schule gingen, zur Arbeit, die […] klauten, kämpften, schlugen, betrogen, halfen, sprangen, schlichen, drückten, unterdrückten, starben, rasten, Blumen kauften, hetzten, heirateten, einkauften, schliefen, alle und alles Ratten.« Nach dem limitierten Handzettel-Buch »Elle-Rebelle« (2017) folgte »Nix Meer« (2018), ein als Episode tituliertes Langgedicht über Melancholie und Weltschmerz des lyrischen Ichs. Zuletzt brachte Güzel ihren Gedichtband »dreh-buch« (2019) heraus, fünfzig fragmentarische Texte als Skizzen für ein Drehbuch – Kommentare, Monologfetzen, Szenenanweisungen oder Beobachtungen.

Neben ihrer Tätigkeit als Dichterin leitet Güzel Poetry-Workshops an Schulen und in Museen. Für ihr Werk wurde sie 2014 mit dem erstmals vergebenen Fakir-Baykurt-Kulturpreis der Stadt Duisburg sowie mit dem Literaturpreis Ruhr 2017 ausgezeichnet. In seiner Laudatio benannte der Germanist Hannes Krauss als herausragendes Merkmal von Güzels Texten die »Nicht-Übereinstimmung – mit Normen, Konventionen, Gepflogenheiten und Erwartungen«. 2016 war Güzel Stadtschreiberin in Köln-Mülheim. Sie lebt in Duisburg und Berlin.