23. ilb 06. – 16.09.2023

Ljudmila Ulitskaja

Ljudmila Ulitzkaja wurde 1943 in der Zeit der Evakuierung im Ural geboren. Sie wuchs ab dem zweiten Lebensjahr in Moskau auf, wo sie nach dem Schulabschluß Biologie studierte. Zwei Jahre lang arbeitete sie als Genetikerin am Akademieinstitut in Moskau, bis sie 1969 wegen der illegalen Abschrift und Verbreitung von Samisdat-Literatur entlassen wurde. Eine neue Stelle trat Ulitzkaja erst zehn Jahre später wieder an, jedoch nicht als Wissenschaftlerin, sondern als Assistentin des Jüdischen Kammertheaters, für das sie Artikel, Programmhefte und Szenarien schrieb. Anders als ihr Urgroßvater, der gläubiger Jude war, identifiziert sich Ulitzkaja nicht mit der jüdischen Religion, aber die vielen Tabus, mit denen das Thema Judentum in der Breschnewzeit offiziell belegt war, schränkten sie künstlerisch stark ein. Sie verließ das Theater nach zwei Jahren und schlug sich als freischaffende Autorin mit dem Verfassen von Theaterstücken, Drehbüchern, Zeitungsartikeln, Beiträgen für Ausstellungskataloge und Übersetzungen durch. Die sowjetischen Literaturzeitschriften lehnten ihre Werke lange Zeit ab. Erst auf dem Umweg über Frankreich, wo Ende der achtziger Jahre erste Erzählungen von ihr erschienen, erlangte die Schriftstellerin auch im eigenen Land Aufmerksamkeit. Für die Novelle »Sonetschka«, mit der ihr 1992 der internationale Durchbruch gelang, erhielt Ljudmila Ulitzkaja 1996 den Prix Médicis; 2001 wurde sie mit dem „russischen Booker Prize“ ausgezeichnet.  

Ulitzkaja erzählt alltägliche, meist im russischen Künstler- und Akademikermilieu situierte Geschichten, deren Heldinnen und Helden unspektakulär, aber nicht ohne Tiefe sind. In der Kritik wird gerne die lebensfrohe Einstellung ihrer Figuren betont, doch ganz so leicht und unbekümmert wie der Erzählstil nahelegt, verläuft das Leben dieser Leute selten. Krisen und Schicksalsschläge bilden das Zentrum von Geschichten, in denen lebenslustige Ehefrauen sich unvermutet in Autistinnen verwandeln oder verrückte, hilflose Menschen sich am Ende als Lebensretter erweisen können. Auf die Frage, wie sie solche Figuren entdecke, antwortet die Autorin lächelnd: »Man muß nur mit den Augen einer nicht mehr ganz jungen Frau zu sehen verstehen.« Obgleich in Rußland – ihrer relativ kurzen Schaffenszeit wegen – als junge Autorin gehandelt, beschäftigt sich die 58jährige häufig mit dem Alter, und sie bietet dabei recht unvermutete Perspektiven. So stellt sie zum Beispiel in der kurzen Geschichte mit dem Titel »Die Glücklichen« ein greises Ehepaar vor, das den frühen Unfalltod seines Kindes betrauert, mit dem es unerwartet spät – als beide schon weit über 40 waren – beglückt worden war. Die Einarbeitung biblischer oder mythischer Motive und Stoffe ist bei der russischen Schriftstellerin häufig. Vielleicht kommt es daher, daß der Leser, wie Sabine Brandt es formuliert hat, oftmals »in sich eine Hingabe wachsen [spürt], wie er sie einst vor der Märchen erzählenden Großmutter fühlte.«

Die vielfach preisgekrönte Autorin ist Mitglied des russischen P.E.N.-Zentrums und lebt in Moskau.

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