Liao Yiwu

Portrait Liao Yiwu
© Ali Ghandtschi

Liao Yiwu wurde 1958 im Kreis Yanting der chinesischen Provinz Sichuan geboren. Nach der Sekundarschulzeit reiste er durch China und arbeitete in dieser Zeit nicht nur als Koch sowie Lastwagenfahrer, sondern beschäftigte sich auch intensiv mit westlicher Lyrik und verfasste erste eigene Gedichte.

In den 1980er-Jahren wurde er zu einem der bekanntesten jungen Poeten in China; da jedoch einige seiner Werke in Zeitschriften des literarischen Untergrunds erschienen, setzten ihn die Behörden 1987 auf die Schwarze Liste. Zwei Jahre später schrieb Liao das Gedicht »Massacre« über die Niederschlagung des Volksaufstands am Tian’anmen-Platz, das seit 2012 in dem Band »Massaker. Frühe Gedichte« auch auf Deutsch vorliegt. 1990 wurde der Autor für seinen Film »Totenmesse« [1989] über diese Ereignisse zu vier Jahren Haft verurteilt, die er später in dem Buch »Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen« [2011] verarbeitete. Internationaler Druck führte zu einer vorzeitigen Entlassung, doch der psychischen und physischen Gewalt, der Liao als Häftling ausgesetzt war, folgten nun soziale Isolation und gesellschaftliche Ächtung. Die Erfahrung, sich als Ausgestoßener von einem Gelegenheitsjob zum anderen zu hangeln, fand ihren Ausdruck in dem Buch »Interviews with People from the Bottom Rung of Society« [2001; dt. »Fräulein Hallo und der Bauernkaiser«, 2009], das zunächst in einer bereinigten Version in seinem Heimatland publiziert und von der Kritik u. a. als »historische Dokumentation des heutigen China« gelobt, dann von den Behörden aber verboten wurde. 2002 erschien eine Originalausgabe in einem taiwanesischen Verlag; Übersetzungen u. a. ins Englische und Französische machten Liao schließlich international bekannt.

Nachdem es dem politisch aktiven Autor jahrelang verboten gewesen war, ins Ausland zu reisen, wurde ihm 2010 die Teilnahme am internationalen literaturfestival berlin gestattet. Nur ein Jahr später verboten ihm die Behörden jedoch, seine Werke im Ausland vorzutragen oder zu veröffentlichen. 2011 gelang Liao daraufhin die Flucht über Vietnam nach Deutschland, wo er bis heute im Exil in Berlin lebt. Sein Werk »Gott ist rot. Geschichten aus dem Untergrund – Verfolgte Christen in China« [2014] gibt einer Minderheit eine Stimme, die trotz aller Repressalien seit vielen Generationen an ihrem Glauben festhält und offiziell totgeschwiegen wird. Der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo bemerkte dazu: »Liaos Texte über die Christen lassen die Wahrheit im Dunkeln leuchten; das macht die Schönheit seines Schreibens aus.« Nach Liaos erstem Roman »Die Wiedergeburt der Ameisen« [2016] erschien zuletzt mit »Wuhan« [2022] ein Dokumentarroman, der in China zu Beginn der Pandemie spielt und die Überwachungs- und Kontrollmechanismen freilegt, mit denen das Land auf die Krise reagiert hat. Liao Yiwu verbindet dafür reale Dokumente und Figuren wie die des regimekritischen Reporters Kcriss, der in Wuhan den Ursprüngen des Coronavirus auf den Grund gehen wollte und dabei verhaftet wurde, mit der fiktionalen Odyssee eines Historikers, der von Berlin aus die Heimreise nach Wuhan antritt.

Die Jury, die Liao 2012 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zusprach, hob in ihrer Begründung hervor, der Autor begehre »sprachmächtig und unerschrocken gegen die politische Unterdrückung auf« und setze »Menschen am Rand der chinesischen Gesellschaft ein aufrüttelndes literarisches Denkmal«.