23. ilb 06. – 16.09.2023

Les Murray

Les Murray wurde 1938 auf einer Farm in Nabiac/New South Wales, Australien, geboren. Als Einzelkind verfiel er bald autodidaktischen Gewohnheiten. Ganz in der Familientradition – ein Verwandter in Schottland hatte das riesige Oxford English Dictionary redigiert und teilweise geschrieben – erwies sich der junge Murray als äußerst sprachbegabt, aber für eine akademische Laufbahn als viel zu träumerisch und eigensinnig. Nach dem Studium arbeitete er als Übersetzer an der Australian National University in Canberra. 1965 brachte er zusammen mit Geoffrey Lehmann den ersten Gedichtband „The Ilex Tree“ heraus, der mit dem Grace Leven Prize for Poetry ausgezeichnet wurde. Anfang der siebziger Jahre ließ sich Les Murray als freier Schriftsteller und Literaturkritiker in Sydney nieder. Von 1973 bis 1980 war er Herausgeber von „Poetry Australia“, später wurde er Literaturredakteur des Magazins „Quadrant“. Als mehrfach preisgekrönter Dichter kann Les Murray heute auf ein umfangreiches dichterisches Œuvre zurückblicken, das sich durch eine enorme Themenvielfalt, ein überaus breites Spektrum poetischer Formen und große sprachliche Virtuosität auszeichnet. So verbindet er beispielsweise traditionelle Lyrikformen des westlichen Kulturkreises mit poetischen Elementen aus der mündlichen Kultur der Aborigines. Inspiriert von deren langen narrativen Gedichten verfasste er in hundertvierzig Sonetten seinen ersten Versroman „The Boys Who Stole a Funeral“ (1979). Acht Jahre lang, von 1988 bis 1996, litt er unter schweren Depressionen. Doch gerade in dieser Zeit schuf er einige seiner wichtigsten Werke: die einzigartigen Tier- und Naturgedichte „Translations from the Natural World“ (1992), „Subhuman Redneck Poems“ (1993), eine Hommage an die einfachen Leute, und den epischen Versroman „Fredy Neptune“ (1998; dt. 2004), den er als seine „heimliche Autobiographie“ bezeichnet. Fredy Neptune ist durch eine Gewalttat an den Armeniern, die er hilflos mitansehen musste, traumatisiert. Seither unfähig zur Schmerzempfindung und deshalb übermenschlich stark, reist er durch die Welt. Über seinen Zugang zur Poesie sagt Les Murray: „Die poetische Erfahrung scheint letztendlich eine Erfahrung der Ganzheit zu sein. Wenn ein Gedicht echt ist, ist es unerschöpflich; es lässt sich nicht zusammenfassen oder in andere Worte übertragen. Es ist gekennzeichnet durch eine merkwürdige Simultaneität von Stille und rasender Erregung.“ 2005 wurde der Roman mit dem ersten Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. In deutscher S pr ache erschienen sind seitdem die Gedichtauswahl „Traumbabwe“ (2005) und der Band „Gedichte, groß wie Photos“ (2006; engl. „Poems the Size of Photographs”, 2002). In dieser zweis pr achigen Publikation sind mehr als 80 von Murrays Gedichten enthalten, die die ganze Bandbreite seiner Kunst und seiner Themen vermitteln. Sein neuester Lyrikband „The Biplane Houses“ (2006; Ü: Die Doppeldecker-Häuser) wurde im letzten Jahr veröffentlicht. Les Murray lebt derzeit in Bunyah/New South Wales.

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