23. ilb 06. – 16.09.2023

Lee Siegel

Lee Siegel wurde 1945 in Los Angeles geboren. Er studierte Vergleichende Literturwissenschaft an der University of California in Berkeley und Kunst an der Columbia University in New York. Nachdem er in Oxford im Fachgebiet Sanskrit promovierte, erhielt er einen Ruf an die University of Hawaii, wo er seither als Professor für Religionswissenschaften tätig ist.

Siegels wissenschaftliche Arbeiten zur Liebeslyrik, Komödie, Horror und Magie Indiens wurden mehrfach ausgezeichnet. Sein Interesse und seine Faszination an Indien sowie sein Wissen über diese Kultur beeinflussen und prägen seine literarischen Texte. Siegels erster Roman „Love in a Dead Language“ (1999) – Notable Book of the Year der „New York Times“ – erzählt die Geschichte eines Professors für Indologie, der glaubt, erst nach einer Affäre mit einer Inderin die Kultur des Landes verstehen zu können, und der sich aus dieser Vorstellung heraus so obsessiv wie verhängnisvoll in eine junge Amerikanerin indischer Herkunft verliebt. Das Buch ist sowohl eine Satire auf den amerikanischen Lehrbetrieb als auch eine Parodie westlicher Phantasien über das orientalische Verständnis sexueller Leidenschaft und zudem eine Karikatur der verschiedenen Arten und Weisen, von erotischer Liebe zu schreiben.

Siegels jüngster Roman, „Love and Other Games of Chance“ (2003), führt von den Ufern des roten Meeres bis auf den Gipfel des Mount Everest und kartographiert so eine Reise vom tiefsten bis zum höchsten Punkt der Erde. Diese komische Erzählung wird raffiniert verwoben von dem umherziehenden Schausteller Isaac Schlossberg, der in Hawaii auf das Ende des Zweiten Weltkriegs wartet, da mit er als erster Mensch den Mount Everest besteigen kann. Er ordnet seine Erinnerungen in die hundert Felder des Kinderbrettspiels „Schlangen und Leitern“, in hundert Erzählblöcke eines patchworkartigen Schelmenromans. In einer ersten Erinnerung sieht Isaac, Sohn jüdischer Immigranten im frühen 20. Jahrhundert, sich selbst in der fahrenden Varietéshow seines Vaters als Samoo, den wundersamen Schlangenjungen. Als Wild-West-Darsteller beginnend, arbeiten sich die Schlossbergs im Spiel hinauf durch Zirkus, Vaudeville und frühe Filme. Isaac selbst reist von Kalifornien nach Kalkutta, als Darsteller einer Schauspielertruppe weiter nach England, in die Sowjetunion und nach Paris, bis er schließlich nach Amerika zurückkehrt.

So wie Isaac durch die Welt und über das Spielbrett reist, bewegt er sich auch wehmütig von den Anfängen der Liebe durch ihre schmerzvollsten und fröhlichsten, edelsten und lächerlichsten Formen, bis er endlich beinahe ihre Erfüllung findet. „Es ist“, beharrt Isaac, „eine Geschichte über Liebe und Tod und den Versuch, dennoch Spaß zu haben.“

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