23. ilb 06. – 16.09.2023

László Darvasi

László Darvasi 1962 in Törökszentmiklos, einer ländlichen Kleinstadt in der Nähe von Budapest geboren, hat die meiste Zeit seines Lebens in Szeged verbracht, einer Universitätsstadt an der Grenze zu Serbien im Süden Ungarns. 1986 schloss er sein Studium an der Pädagogischen Akademie in Szeged ab und unterrichtete bis 1989 im Grundschulbereich. Dann begann er zu schreiben, zuerst als Journalist bei einer Szegeder Tageszeitung. 1990 gründete er mit Kollegen die Literaturzeitschrift Pompeji, seit 1993 ist er Redakteur der anerkannten Budapester Literaturzeitschrift Élet és Irodalom (Leben und Literatur). Seine journalistischen Themen sind Fußball, Fernseh-Kritik und Feuilletons. 1991 kam Darvasis erster Gedichtband heraus, seither hat er in dichter Folge Erzählungen, Novellen, Comics und einen großen Roman, Die Legende von den Tränengauklern (1999, auf Deutsch 2001) veröffentlicht. Roman und Übersetzung wurden mit dem „Brücke Berlin“-Preis geehrt. Einige seiner Texte wurden außer ins Deutsche in sieben weitere Sprachen übersetzt. Für sein literarisches Werk erhielt er mehrere Auszeichnungen, u.a. ein Stipendium des Künstlerhauses Wiepersdorf, das Literaturstipendium der Stadt Graz, ein Stipendium des Berliner Künstlerprogramms des DAAD und den ungarischen Milán-Füst-Preis. Heute lebt Darvasi als freier Autor in Budapest.

Die Legende von den Tränengauklern, unter dem Eindruck der Balkankriege entstanden, schildert Episoden der grauenvollen Jahre der türkischen Besatzung Ungarns im 16. und 17. Jahrhundert. Vor dem Hintergrund islamischer, christlicher und talmudischer Legenden werden historische Tatsachen sichtbar, aber nicht etwa im Sinne eines Romans über die Großen der Geschichte. Vielmehr stehen im Mittelpunkt fünf geheimnisvolle Gestalten, die Tränengaukler, die mit einem klapprigen Wagen durch Mitteleuropa ziehen. Der Ungar weint schwarze Steinchen, der Jude Blut, der Serbe Honig, der Kroate Eisstücke, der Moslem Spiegelscherben, Tränen, die das Leid der Welt zum Ausdruck bringen, aber nicht enden können. Eine burleske Erzählfreude treibt einen fantastischen Bilderreichtum und unglaubliche Personen- und Handlungsvielfalt voran, eine entrückte, verrückte Welt, die zeitlos und gegenwärtig wirkt. In Eine Frau besorgen (2000, dt. 2003) ebenso wie in Die Hundefänger von Loyang (dt. 2003) geht es um Gewalt und totalitäre Herrscht, und dies in verfremdeter und verrätselter Form – beispielsweise tauchen in einem imaginären China vergangener Zeiten plötzlich Hunde auf, die Unglück und Chaos bringen, während die Menschen ihre ganze Hoffnung auf die Hundejäger setzen. Gegen Krieg und Gewalt anschreiben, so könnte man das literarische Programm eines Autors nennen, der sich mit doppelbödiger Parabelhaftigkeit zwischen Realität und Phantasie, zwischen Alltag und Wunder sowie quer durch die Zeiten bewegt.

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