23. ilb 06. – 16.09.2023

Kim Hye-jin

Kim Hye-jin wurde 1983 in Daegu, Südkorea, geboren. Sie debütierte 2014 mit dem Roman »Jungangyeok« [Ü: Hauptbahnhof], der eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen am Rande der Gesellschaft erzählt. Seitdem erschienen drei weitere Romane, »Ttare daehayeo« [2017; dt. »Die Tochter«, 2022] ist der erste in deutscher Übersetzung. Die Erzählerin, eine Altenpflegerin, Witwe und Mutter einer erwachsenen Tochter namens Green, hat zeit ihres Lebens viel Wert auf Tradition und Konformität gelegt. Dementsprechend wünscht sie sich auch für Green ein festes Einkommen und einen Partner, mit dem sie eine Familie gründen kann. Doch Green lebt mit einer Frau zusammen. Die Mutter kann das kaum akzeptieren. Greens Lebensentwurf, ihre Definition von Familie sind ihr fremd. Auch dafür, dass Green gegen die ungerechtfertigte Entlassung eines homosexuellen Kollegen an der Universität protestiert, hat die Mutter wenig Verständnis. Als Green und ihre Partnerin aus finanziellen Gründen gezwungen sind, bei Greens Mutter einzuziehen, führt kein Weg mehr an einer Konfrontation vorbei. Bei ihrer eigenen Arbeitsstelle, einem Seniorenheim, wird die Erzählerin währenddessen aufgefordert, den Pflegestandard für eine ältere Demenzpatientin herabzusetzen, die selbst keine Familie hat. Und auch das kann sie nicht akzeptieren. Als erfolgreiche Diplomatin hat ihre Patientin einst die Welt bereist und sich gegen Kinder entschieden. Warum sollte die Tatsache, dass man kein traditionelles Leben geführt hat, bedeuten, dass man als Person weniger wert ist? Diese Frage leitet eine langsame Wandlung ein. Mit seinem nüchternen Erzählstil gelingt es dem Roman, insbesondere über die engstirnige Sichtweise der Mutter, Homophobie und Sexismus in der koreanischen Gesellschaft offenzulegen. Zugleich thematisiert er universelle Ängste vor dem Altern, vor Tod und Isolation, um letztlich zu einem hoffnungsvollen Ende zu finden. »›Die Tochter‹ ist ein kluger Roman über den Clash von Lebenswelten, Seinsentwürfen und Traditionsbeständen verschiedener Generationen im heutigen Südkorea«, urteilte die »FAZ«.

Für ihr schriftstellerisches Schaffen wurde Kim Hye-jin in ihrem Heimatland bereits vielfach ausgezeichnet, u. a. 2020 mit dem renommierten Daesan-Literaturpreis. Die Autorin lebt in Seoul.

Stand: 2022