23. ilb 06. - 16.09.2023

Mustafa Khalifa

Der syrische Schriftsteller und Aktivist Mustafa Khalifa wurde 1948 in Dscharābulus in der Nähe der türkischen Grenze geboren und wuchs in Aleppo auf. Bereits als Jugendlicher beteiligte er sich an politischen Aktionen und wurde zweimal verhaftet. Sein Jurastudium in Damaskus schloss er erst danach ab. 1979/1980 und 1981–1994 war er ohne Gerichtsprozess in verschiedenen Gefängnissen inhaftiert, darunter im berüchtigten Militärgefängnis von Palmyra. Nach seiner Entlassung hatte er bis 2006 Ausreiseverbot, dann emigrierte er in die Vereinigten Arabischen Emirate und lebt seit 2011 in Paris.
Seine Erlebnisse und Eindrücke aus seiner Gefängniszeit verarbeitete er in seinem ersten Roman »Al-Qauqaʼa« (arab. 2008; dt. »Das Schneckenhaus«, 2019). Der Protagonist ist ein junger Syrer, der nach seinem Studium in Frankreich Anfang der 1980er Jahre nach Syrien zurückkehrt. Bei seiner Verhaftung am Flughafen wirft man ihm die Mitgliedschaft bei den Muslimbrüdern vor, worauf die Todesstrafe steht. Für eine geraume Zeit meint er, Opfer einer Verwechslung zu sein, entstammt er doch einer christlichen Familie und sieht sich selbst als Atheisten. Aus dem Gefängnis kommt er jedoch erst nach 13 Jahren frei, in denen er Zeuge gröbster Menschenrechtsverletzungen wird. Es entsteht jedoch auch eine tiefe Freundschaft zwischen ihm und Dr. Nassim, einem Seelenverwandten an diesem grauenvollen Ort. Als der Protagonist schließlich in eine Geheimdienstzentrale in Damaskus verlegt wird, wo er erneut gefoltert wird, erfährt er endlich den Grund für seine Haft: Er soll auf einer Pariser Party über den syrischen Präsidenten gescherzt haben. Das letzte Kapitel des Romans handelt vom ersten Jahr nach der Freilassung. Das Verhältnis zu Dr. Nassim endet tragisch, und der Protagonist ist schockiert über die Ignoranz der Gesellschaft gegenüber den Zuständen in den Landesgefängnissen. Der Roman erschien 2007 zuerst in französischer Übersetzung und 2008 auf Arabisch. Außerdem wurde er ins Deutsche, Englische, Italienische, Norwegische, Spanische, Türkische, Ungarische und Albanische übersetzt. »Ein schmerzhafter Roman, der nach Leben schreit, ein gewaltsamer Roman, der um Gnade bittet« (Rafik Schami). 2017 erschien Khalifas zweiter Roman »Raqṣat al-Qubūr« (Ü: Tanz der Gräber).
Khalifa ist außerdem Autor politischer und publizistischer Texte. 2012 erschien seine Analyse »What if Bashar Assad Wins?«, in der er, ausgehend von einem hypothetischen Sieg des syrischen Regimes, die Konsequenzen auf innerstaatlicher Ebene gedanklich durchspielt. Außerdem veröffentlichte die Arab Reform Initiative 2013 Khalifas Studie »The Impossible Partition of Syria«, in der er eine mögliche Teilung Syriens als Katastrophe bewertet, da sie einen Frieden nicht wiederherstellen könne und zudem die Stabilität der Nachbarländer bedrohe. 2015 wurde Khalifa mit dem deutschen Ibn-Ruschd-Preis für freies Denken geehrt.