23. ilb 06. – 16.09.2023

Kenzaburô Ôe

Kenzaburô Ôe wurde 1935 im Dorf Ôse auf der japanischen Insel Shikoku als Sohn einer Grundbesitzerfamilie geboren. Er studierte bis 1959 Französische Literatur an der Universität Tokio und schloss mit einer Arbeit über Sartre ab. Während des Studiums veröffentlichte er erste literarische Werke, die früh Anerkennung fanden. So erhielt er 1958 für die Erzählung »Shiiku« (dt. »Der Fang«, 1964) die wichtigste literarische Auszeichnung Japans, den Akutagawa-Preis. Seine Herkunft aus der japanischen Provinz und die Hinwendung zur europäischen Kultur prägten Ôe. In Abgrenzung zu nationalistischen Tendenzen und der Tenno-Kultur entwickelte er ein breit gefächertes Interesse für westliche Philosophie, Literatur und Mystik. 1960 heiratete er seine Frau Yukari, mit der er drei Kinder hat. 1963 wurde sein geistig behinderter Sohn Hikari geboren, ein Umstand, der Ôes Leben von Grund auf änderte. In seinem Roman »Kojintekina taiken« (1964; dt. »Eine persönliche Erfahrung« 1972), mit dem er auch internationale Anerkennung erlangte, wird sein fiktives Alter Ego vor die Wahl gestellt, sein behindertes Neugeborenes zu töten oder am Leben zu lassen. Weitere Themen, die Ôe in seinen Romanen variiert, sind ebenfalls eng an autobiografische Erfahrungen angelehnt, so z.B. das Leben in einem abgeschiedenen Dorf zur Zeit der japanischen Kapitulation nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Protagonisten seiner Romane sind Anti-Helden: zumeist im jeweiligen Alter des Autors, durchleben sie existentielle Krisen, sind von Verzweiflung, Einsamkeit und sexueller Entfremdung geplagt. Das besondere Merkmal der vielschichtigen Ôeschen Erzählkunst liegt jedoch in der Kontrastierung der verzweifelten Lage seiner Figuren mit einem eigenwilligen schwarzen Humor, hinter dem selbst in den härtesten Stunden der Glaube an die Humanität aufscheint.

In den siebziger und achtziger Jahren unternahm Ôe zahlreiche Vortrags- und Kongressreisen ins Ausland, die auch sein Engagement auf politischem Gebiet widerspiegeln; so war Ôe schon seit den sechziger Jahren Mitglied der japanischen Anti-Atom-Bewegung und setzte sich für die internationale Umwelt- und Friedensbewegung ein. Ôe, der die Rolle des Schriftstellers einmal mit der des Kanarienvogels im Kohleschacht verglich, gilt als das »moralische Gewissen« seines Landes und ist in seiner Heimat starken Anfeindungen von konservativer Seite ausgesetzt.

1994, nach Abschluss seiner Romantrilogie »Moeagaru midori no ki« (dt. »Grüner Baum in Flammen«, Bd. 1 unter demselben Titel, 2000; Bd. 2 »Der schwarze Ast«, 2002; Bd. 3 »Der atemlose Stern«, 2003), gab Ôe bekannt, dass er sich fortan dem Werk Spinozas widmen und sich vom Schreiben zurückziehen wolle. Wenige Wochen nach dieser Verlautbarung wurde ihm jedoch der Nobelpreis für Literatur verliehen, und er nahm wieder Abstand von seinem Vorhaben. Seitdem arbeitet Ôe an einer Romanfolge, die wiederum autobiografisches Material zur Grundlage hat. In deutscher Übersetzung erschien zuletzt der erste Band »Tagame. Berlin – Tokyo« (2005). Ôe lebt in Setagaya, einem Vorort westlich von Tokio.

© internationales literaturfestival berlin