23. ilb 06. - 16.09.2023

Kamel Daoud

Der algerische Journalist und Schriftsteller Kamel Daoud wurde 1970 in Mostaganem geboren. Zunächst studierte er Mathematik, dann Literatur, und ab 1994 arbeitete er für die französischsprachige Zeitung »Le Quotidien d’Oran« acht Jahre als Chefredakteur. Viele seiner Artikel publizierte er unter Umgehung der Zensur auf Facebook.

Anfang der 2000er Jahre begann Daoud mit der Veröffentlichung seiner literarischen Texte, die er auf Französisch verfasst, darunter »Minotaure 504« (2011), der für den Prix Goncourt in der Kategorie Kurzprosa nominiert war. 2013 erschien sein von Albert Camusʼ »LʼÉtranger« inspirierter Roman »Meursault, contre-enquête« (dt. »Der Fall Meursault. Eine Gegendarstellung«, 2016). Er gibt dem namenlosen Araber aus »LʼÉtranger«, der 1942 vom Protagonisten Meursault in der Mittagshitze am Strand von Algier erschossen wird, eine Identität. Siebzig Jahre später erzählt dessen Bruder vom Leid ihrer Mutter, das schließlich in Rache eskalierte. Der alte, frustrierte Mann ist damit ebenso ein Leidender an der Welt geworden wie der Mörder seines Bruders. Daoud konterkariert mit seiner Fortschreibung von »LʼÉtranger« nicht nur die Abgeschlossenheit der französischen kolonialen Parallelwelt in Camusʼ Algerien, sondern übt auch Kritik am Fundamentalismus in den arabischen Gesellschaften. »Meursault« wurde u. a. mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. In seinem darauffolgenden Roman »Zabor ou Les psaumes« (2017; dt. »Zabor«, 2019) zeichnet Daoud das Bild einer Kindheit in Algerien. Ismaël, der früh seine Mutter verlor und aus seinem Elternhaus verstoßen wurde, findet Trost im Lesen und schließlich auch im Verfassen eigener Geschichten, was seine besondere Gabe offenbart: Solange er über einen Menschen, der im Todeskampf liegt, schreibt, verlängert er dessen Leben. Schließlich wird er auch zu seinem sterbenden Vater gerufen. Für seine Parabel über die Macht des Erzählens erhielt Daoud 2018 den Prix Méditerranée. In seinem jüngsten Werk »Le Peintre dévorant la femme« (2018; Ü: Der Maler, der Frauen verschlingt) setzt sich Daoud mit der Welt des Künstlers Pablo Picasso und der Erotik in seinem Schaffen auseinander.

Nach den sexuellen Übergriffen von Männern aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum in der Silvesternacht 2015/16 in Köln warnte Daoud in »Le Monde« vor dem Herunterspielen der Gegensätze zwischen westlicher und islamischer Kultur und wurde daraufhin von einer Gruppe französischer Wissenschaftler der Islamophobie bezichtigt. Bereits 2014 hatte ein salafistischer Imam öffentlich Daouds Tötung wegen seiner islamkritischen Äußerungen gefordert. Daoud zog sich zunächst aus dem Journalismus zurück und nahm danach seine Arbeit für verschiedene Medien wieder auf. Eine Reihe von Journalist*innen und Schriftsteller*innen trat für ihn ein und kritisierten den Missbrauch des Wortes »Islamophobie« im gesellschaftlichen Diskurs. Der Autor lebt in Oran.