22. ilb 07. - 17.09.2022

Lídia Jorge

Die portugiesische Schriftstellerin Lídia Jorge wurde 1946 in Boliqueime an der Algarve geboren. Sie wuchs als Einzelkind bei ihrer Mutter und vorwiegend weiblichen Familienmitgliedern auf. Die emigrationsbedingte Abwesenheit von männlichen Bezugspersonen und die ländliche Umgebung waren prägend für ihre Kindheit. An der Universität von Lissabon studierte Jorge Romanistik. In der Zeit des portugiesischen Kolonialkriegs hielt sie sich zwischen 1969 und 1974 mit ihrem ersten Ehemann, einem Angehörigen der Luftwaffe, in Angola und Mosambik auf und unterrichtete dort an Schulen – eine Erfahrung, die sie später in ihrem Werk verarbeiten sollte. Nach ihrer Rückkehr nach Portugal lehrte Jorge u. a. an der Philosophischen Fakultät der Universität von Lissabon.
1979 erschien ihr erster Roman. »O Dia dos Prodígios« (dt. »Der Tag der Wunder«, 1989) zählt zu den Hauptwerken der neueren portugiesischen Literatur nach der Nelkenrevolution. Die Handlung, in der sich die reale Welt mit fantastischen Begebenheiten mischt, spielt in einem verarmten Dorf im Süden Portugals. Eines Tages sehen die Bewohner eine Schlange davonfliegen. Kurz danach siegt in Lissabon die revolutionäre Bewegung, die Welle der Ereignisse erreicht auch das kleine Dorf, der Beginn einer neuen Zeit. Eine Aufarbeitung der Kolonialerfahrungen folgte in ihrem Roman »A Costa dos Murmúrios« (1988; dt. »Die Küste des Raunens«, 1993): Eine Frau durchlebt rückblickend noch einmal die Zeit, in der sie in jungen Jahren in Mosambik als Ehefrau eines Offiziers die Erfahrung latenter Gewalt machte. Der Roman »Os Memoráveis« (2014; Ü: Das Denkwürdige) ist ein Resümee der Revolution in Portugal und des steinigen Wegs in die Demokratie. »Estuário« (2018; Ü: Die Mündung) erzählt von einem auf humanitären Missionen weit gereisten jungen Mann, der mit verkrüppelter Hand in sein Elternhaus zurückkehrt, um sich dem Schreiben zu widmen, und beleuchtet den Prozess des literarischen Schaffens mit seinen Fallstricken.
Lídia Jorge schreibt neben ihrer Tätigkeit als Kolumnistin auch Radiobeiträge, Kinderbücher, Theaterstücke und Gedichte. Ihre Werke wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt und mit einer Vielzahl von Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter mit dem Prémio Dom Dinis der Stiftung Casa de Mateus, dem Prémio Bordallo der Casa da Imprensa in Lissabon, dem Prémio Máxima de Literatura und dem Jean-Monnet-Preis für Europäische Literatur. Seit 2005 ist sie Chevalier des französischen Ordre des Arts et des Lettres, 2010 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universidade do Algarve. 2020 wurde sie mit dem FIL-Preis für Literatur in romanischer Sprache, einem der wichtigsten Literaturpreise Lateinamerikas, ausgezeichnet. Die Jury hob »die Originalität und Subtilität ihres Stils, die Unabhängigkeit in der Bewertung und eine immense Menschlichkeit« hervor sowie den »bisweilen brutalen Realismus«, mit dem sie »die schrecklichen Folgen des Kolonialismus« beschreibt. Die Autorin lebt in Lissabon.