23. ilb 06. – 16.09.2023

Jónás Tamás

Tamás Jónás wurde 1973 im nordungarischen Ózd, das in den fünfziger Jahren zwangsindustrialisiert worden war, in einer Roma-Familie geboren. Bis zu seinem vierten Lebensjahr lebte er in Csernely. Als seine Eltern wegen ihrer Schulden ins Gefängnis kamen, wurden er und seine Geschwister in verschiedenen Kinderheimen untergebracht. Jónás lebte zudem eine Zeit lang bei Pflegeeltern, die ihn misshandelten. »Diese Erfahrung hat mich geprägt. Seitdem weiß ich, dass ich mich nur auf mich verlassen kann.« Sechsjährig kehrte er zu seinen Eltern zurück und lebte von da an in Szombathely. Er studierte am Széchenyi István Technical College in Győr, an der Eötvös-Loránd-Universität Budapest Ungarisch und Sanskrit sowie an einer buddhistischen Schule. Seine Gedichte veröffentlicht er seit seinem 16. Lebensjahr, seitdem sind acht Lyriksammlungen erschienen. Seine literarischen Vorbilder, an denen er seinen eigenen Stil schulte, waren François Villon, Attila József und die ungarischen Dichter des 19. Jahrhunderts. Vielfach wurde Jónás als Roma-Dichter bezeichnet, eine Kategorisierung, die er selbst als Einschränkung empfindet. Dennoch ist die existenzielle Erfahrung der Zugehörigkeit zu den Roma einerseits Teil seiner Poesie, andererseits verleiht er mit seinen Werken den Roma und ihrer Lebens- und Gefühlswelt eine Stimme.

Mit 22 Jahren schrieb er den autobiografischen Roman »Cigányidők« (2009; Ü: Zigeunerzeiten), in dem er seine frühen Kindheitserlebnisse verarbeitet. Auch in seinen folgenden Prosatexten erzählt Jónás vorwiegend von Menschen am Rande der Gesellschaft – Sinti und Roma, Verzweifelte, Obdachlose. Péter Esterházy sagte über ihn: »Tamás Jónas ist voller Geschichten über die Armut, die Verletzlichkeit, den Schmerz, die Liebe, den Körper, den Reichtum und da capo: über die Armut – er ist voller Geschichten, voller Talent.« Auf Deutsch erschien 2006 der Band »Als ich noch Zigeuner war« mit Novellen und Gedichten. Neben traumatischen Erinnerungen werden in den Texten Beobachtungen aus seinem Lebensumfeld thematisiert: kindliche Erfahrungen, die erste Liebe und die Schmerzen darüber, aber auch der Spott der Mitschüler wegen seiner Herkunft. Seinem nüchternen, teilweise balladenhaften Erzählstil steht die Grausamkeit des Durchlittenen gegenüber. 2008 folgte der Band »Fünfunddreißig« mit Geschichten und Gedichten in deutscher Übersetzung, in denen die Atmosphäre der existenziellen Trostlosigkeit dominiert und die Figuren beständig Fragen nach Schuld, Ausgegrenztheit und Ungerechtigkeit ausgesetzt sind.

Jónás arbeitet auch als Journalist und Herausgeber von www.dokk.hu, einer literarischen Website. Außerdem ist er Moderator bei Radio C, einem ungarischen Roma-Sender. Er war u. a. Herder-Stipendiat. 2009 wurde er für seinen Gedichtband »Önkéntes vak« (Ü: Freiwillig blind) mit dem ungarischen Aegon-Artpreis ausgezeichnet. Der Autor lebt in Budapest.