Jérôme Ferrari

Portrait Jerome Ferrari
Jerome Ferrari [© Matthias Bothor]

Jérôme Ferrari wurde 1968 in Paris geboren. Er studierte Philosophie und ist seitdem als Lehrer tätig.
Seit Anfang der 2000er-Jahre tritt er auch als Schriftsteller in Erscheinung.

Größere Bekanntheit erlangte er mit dem Roman »Où j’ai laissé mon âme« [2010; dt. »Und meine Seele ließ ich zurück«, 2011], der Mitte der 1950er-Jahre im Algerienkrieg spielt und der Frage nachgeht, wie sich Systeme der Gewalt auf Opfer und Täter auswirken und deren Existenzen prägen. Hauptfigur André Degorce ist Capitaine der französischen Armee; ein Folterer, der einst selbst ein Gefolterter war: Als Mitglied der Résistance wurde er im Zweiten Weltkrieg nach Buchenwald deportiert. Ihm gegenübergestellt ist Tahar, der sich als Kämpfer der Nationalen Befreiungsarmee für die Unabhängigkeit Algeriens einsetzt.

Der internationale Durchbruch gelang Jérôme Ferrari mit »Le sermon sur la chute de Rome« [2012; dt. »Predigt auf den Untergang Roms«, 2013], der mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. In den korsischen Bergen eröffnen zwei ehemalige Philosophiestudenten eine Bar – »ein lebenspraller Mikrokosmos« [»FAZ«] entsteht. Dessen Schilderung ist durchsetzt mit philosophischen Überlegungen, inspiriert vom Kirchenlehrer Augustinus, auf den bereits der Romantitel anspielt. Die Parallelsetzung vom Untergang des Römischen Reichs mit dem der Dorfkneipe gelingt auch dank der stilistischen Fähigkeiten des Autors: »Jérôme Ferraris sprachlich hoch versierte Romanprosa bewegt, ohne je ins Sentimentale abzurutschen«, so DLF. Es folgte »Le Princip« [2015; dt. »Das Prinzip«, 2015], ein Roman über den Quantenphysiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg, der nach der »Machtübernahme« der Nationalsozialisten in Deutschland geblieben ist. »In der Quantenphysik steckt immense literarische Fülle«, so der Autor im Interview mit der »taz«. »Es gibt Intuitionen, Sprünge, eine Form von Kreativität. Diese Zweiteilung in Naturwissenschaft und Literatur, wie man sie gemeinhin denkt, kommt mir falsch vor.« 2018 erschien »À Son Image« [dt. »Nach seinem Bilde«, 2019]. Erneut auf Korsika angesiedelt, beginnt der Roman mit einem Treffen zwischen Antonia, einer jungen Fotografin, und Dragan, der einst als kroatischer Söldner im Jugoslawienkrieg gekämpft hat. Auf dem Weg nach Hause verunglückt Antonia tödlich; bei ihrer Beerdigung hält ihr Patenonkel die Predigt. Durchsetzt mit essayistischen Passagen, geht der Roman der Geschichte Korsikas ebenso nach wie dem Wesen der Fotografie. »Ferraris Roman umkreist seine Themen auf verschiedenen Ebenen. Es sind Fragen der Religion, der Politik und des Sexuellen, die ineinandergreifen und sich in kunstvoll gewundenen Sätzen vermengen, bis man merkt, wie sehr sie zueinander gehören«, befand die »NZZ«. Zuletzt erschien der Essayband »Il se passe quelque chose« [2017; Ü: Es geschieht etwas] über das Schüren von Angst durch die Politik seit dem Anschlag auf »Charlie Hebdo« und über das Schweigen, das zum Fehler wird, wenn man das Privileg hat, sich ausdrücken zu können.

Seit 2015 unterrichtet Jérôme Ferrari Philosophie an einem Lycée in Bastia, Korsika. Er lebt auf Korsika.

Stand: 2022