23. ilb 06. – 16.09.2023

Jean Rouaud

Jean Rouaud wurde 1952 in Campbon an der Loire-Mündung geboren und wuchs in einer kleinbürgerlichen Kaufmannsfamilie auf. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft in Nantes zog er in den achtziger Jahren nach Paris und arbeitete u.a. als Feuerwehrmann, Journalist, Verlagsvertreter und Mitbetreiber eines Kiosks. 1990 veröffentlichte er den Bestseller »Les Champs d’honneur« (dt. »Die Felder der Ehre«, 1993), für den er mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Der autobiografische Familienroman beschreibt das Leben in der französischen Provinz bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das Werk bildet den fulminanten Auftakt einer fünfteiligen Romanreihe, die das 20. Jahrhundert in Frankreich im Schicksal von drei Generationen der Familie des Autors spiegelt. Alle Bände wurden ins Deutsche übersetzt.

Mit seiner Aufwertung regionalen Erzählens entspricht Rouaud der Haltung von Autoren wie Pierre Michon, Patrick Drevet und Pierre Bergounioux. Die liebevolle Ironie, mit der er seine Verwandten betrachtet, bedeutet außerdem eine Absage an die Paris-fixierte, »vatermordende« Post-68er-Literatur v.a. der Existenzialisten, mit denen er zunächst symphatisiert hatte. »Ich wollte diese Verleugnung wieder gutmachen. Auch deshalb habe ich diese Bücher geschrieben.« So umkreist Rouaud immer wieder das Beziehungsgeflecht von Erinnerung, Geschichte und Identität. Mit »Des hommes illustres« (1993; dt. »Hadrians Villa in unserem Garten«, 1994) setzte er seinem früh verstorbenen Vater ein Denkmal. Der 1996 erschienene Roman »Le monde à peu près« (dt. »Die ungefähre Welt«, 1997) verhandelt aus der Perspektive seines alter ego, eines stark kurzsichtigen, extrem distanzierten jungen Studenten und Hobby-Kickers, das neue Establishment und die Diskurslage in Frankreich nach 1968. In »Pour vos cadeaux« (1998; dt. »Der Porzellanladen«, 2000), gibt er ein liebevoll-verschmitztes Porträt seiner Mutter. Den Abschluss des biografischen Projekts bildet »Sur la scène comme au ciel« (1999; dt. »Meine alten Geliebten«, 2002), eine Hommage an beide Eltern, die zugleich die Rezeption der vorangegangenen Bände reflektiert.

Rouauds im Präsens Absolutum gehaltene Rollenprosa begeisterte Kritiker auch durch ihren Blick fürs Detail. Dieser kommt besonders in seinen Essays zum Tragen. In »La Désincarnation« (2001; dt. »Schreiben heißt, jedes Wort zum Klingen bringen«, 2004) wird die Eigenart des Vaters, gegen alte Teller zu klopfen, um etwaige Sprünge aufzuspüren, zum Ausgangspunkt poetologischer Überlegungen. Die poststrukturalismus-kritischen Gedanken über das Verhältnis von Fiktion, Autorschaft und Realität setzt der Band »L’Invention de l’auteur« (2004; Ü: Die Erfindung des Autors) fort.

Daneben wirkte Rouaud auch als Chansonnier und Dramatiker. Für den erschienenen Roman »L’Imitation du bonheur« (2006; Ü: Die Imitation des Glücks) wurde er mit dem Grand Prix Littéraire de Saint-Emilion Pomerol-Fronsac ausgezeichnet. Die Geschichte einer jungen Frau im Paris der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts verbindet virtuos die Techniken des Nouveau Roman (filmisches Schreiben, Rückblenden, Mehrperspektivität) mit traditionellem Erzählen. Rouaud lebt in Montpellier.

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