23. ilb 06. - 16.09.2023

Hiromi Ito

Hiromi Ito wurde 1955 in Tokio geboren. Sie studierte Literatur an der dortigen Aoyama-Gakuin-Universität und trat früh als Lyrikerin in Erscheinung. In Japan gilt Hiromi Ito heute als eine der bedeutendsten Gegenwartsautorinnen.

Bekannt wurde sie in den achtziger Jahren mit ihren Gedichten, in denen sie Themen wie Körper, Schwangerschaft, Geburt, Lust und Tod verhandelt – ein Novum für die damalige Zeit. Einen Eindruck von der provokanten Kraft ihrer Texte konnten sich deutsche Leser*innen erstmals 1993 machen, als mit dem Band »Mutter töten« eine Sammlung von Gedichten und Prosa erschien, in der u. a. eine Abtreibung und der Hass auf die eigenen Eltern behandelt werden. Später ergänzten Essays – zum Beispiel über die Erziehung von Kindern – und Prosatexte ihr Werk. In deutscher Übersetzung erschienen ist »Das anarchische Aschenputtel. Märchen als Medizin für den Hausgebrauch« (1999), das Ito zusammen mit ihrem ersten Ehemann Masahiko Nishi verfasst hat. Der Band stellt volkstümliche Erzählungen aus Japan vor, wendet sich auch Grimms Märchen zu und fragt nach der tieferen Bedeutung von bösen Stiefmüttern und anderen Märchenfiguren und -elementen. Mit »Dornauszieher« (2021) liegt erstmals die Übersetzung von einem ihrer Romane ins Deutsche vor. Der Titel nimmt auf einen Schutzheiligen Bezug, der in einem Tokioter Tempel verehrt wird: Er nimmt Unglück und Krankheiten der Menschen auf sich und befreit sie so von ihrem Leid. Auch Ito, Protagonistin des Romans und als Figur stark angelehnt an die Autorin, pilgert zu ihm. Eigentlich lebt sie mit ihrem dreißig Jahre älteren Ehemann und drei Töchtern in Kalifornien. Doch um nach ihren Eltern zu sehen, fliegt sie regelmäßig in ihr Geburtsland Japan. Abstand vom hektischen Alltag findet sie in der Nacht. Als Ehefrau eines gesundheitlich angeschlagenen Künstlers, als Mutter von drei Töchtern mit ihren jeweiligen Sorgen und Nöten, als Tochter von pflegebedürftigen Eltern, als Dichterin, Schriftstellerin und Intellektuelle jongliert Ito mit mehreren Rollen, die spezielle Herausforderungen mit sich bringen – ebenso wie der Wechsel zwischen den Ländern, Kulturen und Sprachen. Dies wird in siebzehn Kapiteln mit teils mysteriösen Überschriften wie »Der Alte mit der Wangengeschwulst trifft endlich auf den Teufel, und die Anhängerinnen des Spatzenhunds versammeln sich« verhandelt. Der in Japan bereits 2007 erschienene und dort mehrfach ausgezeichnete Roman vereint unterschiedlichste Sprachstile, Stimmungslagen und literarische Anspielungen, die von japanischen Mythen über Kafkas »Verwandlung« bis hin zu Werbeslogans reichen.

Hiromi Ito lebt seit 1997 in der Nähe von San Diego, Kalifornien, sowie in Kumamoto, Südjapan.