23. ilb 06. – 16.09.2023

Ismail Kadare

Ismail Kadare wurde 1936 im südalbanischen Gjirokastra geboren. Er studierte an der Universität von Tirana Literaturwissenschaften und Sprachen und besuchte anschließend das Moskauer Gorki-Institut für Literatur. Als sich 1960 die Beziehungen zwischen Albanien und der UdSSR verschlechterten, kehrte Kadare in seine Heimat zurück und begann, als Journalist zu arbeiten. Die Auseinandersetzung zwischen Enver Hodscha, dem Vorsitzenden der Partei der Arbeit Albaniens, und Staats- und Parteichef Chrustschow, die zur politischen Isolierung Albaniens führen sollte, hatte Kadare als Augenzeuge erlebt. In seinem wohl bedeutendsten Werk, dem Roman »Dimri i vetmise se madhe« (1973; Ü: Der Winter der großen Einsamkeit), ist der folgenreiche Konflikt thematisiert. Während das Werk im Ausland auf eine positive bis begeisterte Aufnahme stieß, wurde es in Albanien als zu negativ kritisiert und Kadare sah sich gezwungen, es zu überarbeiten. Vier Jahre später erschien eine stark erweiterte Fassung unter dem seitdem geläufigen Titel »Dimri i madh« (dt. »Der große Winter«, 1987).

Seine ersten literarischen Werke hatte Kadare schon in den fünfziger Jahren vorgelegt, als er verschiedene Gedichtbände veröffentlichte. Mit dem einflussreichen »Shekulli im« (1961; Ü: Mein Jahrhundert) ebnete er der Erneuerung der albanischen Lyrik den Weg. Er belebte das vernachlässigte Genre des Liebesgedichts und verhalf einem vergleichsweise nüchternen lyrischen Duktus zum Durchbruch. Wenig später wandte sich Kadare der Romanform zu. Mit »Gjenerali i Ushtërisë së vdekur« (1961; dt. »Der General der toten Armee«, 1977) profilierte sich Kadare auch international. Die Geschichte eines italienischen Generals, der die Gebeine in Albanien gefallener faschistischer Soldaten überführen soll, zeichnet in charakteristischer Kreuzung von Bildhaftigkeit und Sachlichkeit, Geschichte und Imagination sowie Tragik und Komik ein Bild von der Absurdität des Krieges. Der Roman wurde 1983 mit Michel Piccoli und Marcello Mastroianni verfilmt.

Kadare erlangte bald sowohl im Inland als auch im Ausland Ansehen als bedeutendster Schriftsteller seines Landes. Als Mitglied der Kommunistischen Partei war er von 1970 bis 1982 Abgeordneter des Parlaments. Während seine Werke an allen Schulen Pflichtlektüre waren, erhielt er doch zeitweilig Publikationsverbot in seiner Heimat und sah sich Drohungen und Anfeindungen ausgesetzt. Mit seiner Auswanderung nach Paris, nur wenige Monate vor dem politischen Umbruch, zog er die Konsequenz seiner zunehmenden Kritik an stalinistischen Dogmen Mitte der achtziger Jahre und der verschleppten Demokratisierung nach 89. Der in französischer Sprache verfasste Roman »La Pyramide« (1992; Ü: Die Pyramide) ist ein parabelhaftes Epos über die institutionalisierte Grausamkeit totalitärer Systeme, das im alten Ägypten angesiedelt ist.

Kadare wirkte ebenfalls als Herausgeber der Literaturzeitschrift »Les Lettres albanaises«, die auf Albanisch und Französisch erscheint. Sein Werk ist mittlerweile in mehr als dreißig Sprachen übersetzt worden. Zuletzt erschien der zwölfte Band seiner Gesammelten Werke. Kadare erhielt zahlreiche internationale Preise und ist Offizier der französischen Ehrenlegion. 2005 erhielt er den erstmals vergebenen Man International Booker Prize. Der Autor lebt in Paris und Tirana.

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