23. ilb 06. – 16.09.2023

Ingo Schulze

Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, studierte Klassische Philologie und Germanistik in Jena, bevor er als Dramaturg am Landestheater Altenburg tätig wurde. 1990 initiierte er in der ostthüringischen Stadt das »Altenburger Wochenblatt« und den »Anzeiger«. Während eines halbjährigen Aufenthalts in Sankt Petersburg 1993 gründete er das erste kostenlose Anzeigenblatt der russischen Stadt, die Schauplatz seines literarischen Debüts »33 Augenblicke des Glücks« (1995) werden sollte. Der Erzählband entfaltet ein kaleidoskopartiges Panorama der russischen Metropole vor dem Hintergrund des politischen und ökonomischen Umbruchs zu Beginn der neunziger Jahre.

International bekannt wurde Schulze durch »Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz« (1998). Ohne jegliche »Nachwendeweinerlichkeit«, wie die »Stuttgarter Zeitung« lobte, werden die von der Wiedervereinigung herrührenden Brüche in den Biografien vieler Ostdeutscher offengelegt. In »Neue Leben« (2005), einem fiktiven Briefroman, lässt er den Protagonisten 1990 über seine Jugend und frühen Erwachsenenjahre in der DDR und seinen Weg vom verzweifelten Schriftsteller zum so glücklichen wie rücksichtslosen Geschäftsmann berichten. Mit »Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier« (2007) kehrt Schulze zur literarischen Form der Kurzgeschichte zurück. Im Zentrum stehen die Verschiebungen und Risse in Freundschaften und Liebesverhältnissen in Berlin, New York, Kairo und an anderen Orten der Welt. In seinem Roman »Adam und Evelyn« (2008) reisen die auf den biblischen Mythos von Adam und Eva verweisenden Protagonisten im Sommer 1989 – just als Ungarn die Grenze öffnet – an den Balaton. Nach dem Erzählband »Orangen und Engel«, der 2010 nach einem Stipendien-Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom entstand, erschien 2012 der Essay »Unsere schönen neuen Kleider«, in dem Schulze den Ursachen von Demokratieverlust und sozialer Polarisierung nachgeht. Der kapitalismuskritische Schelmenroman »Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst« (2017) liest sich als Parabel auf die ostdeutsche Geschichte von 1974 bis 1998. Schulzes jüngster, für den Leipziger Buchpreis nominierte Roman »Die rechtschaffenen Mörder« (2020) handelt von einem Dresdner Antiquar, der in der Nachwendezeit alles verliert und zum Reaktionär wird. Dabei verweigert Schulze vor allem durch eine ausgeklügelte Erzählstruktur eindeutige Schlüsse: »Aus einer einleuchtenden Milieustudie wird im Fortgang ein Buch, das weniger eine Geschichte erzählen als bei den Lesern festgesetzte Geschichten korrigieren will« (»DIE ZEIT«).

Schulze erhielt u. a. den aspekte-Preis (1995), den Berliner Literaturpreis (1998), den Preis der Leipziger Buchmesse (2007), den Premio Grinzane Cavour (2008), den Bertolt-Brecht-Preis der Stadt Augsburg (2013) und den Werner-Bergengruen-Preis (2019). Sein Werk wurde in dreißig Sprachen übersetzt. Seit 1993 lebt er in Berlin.