23. ilb 06. – 16.09.2023

Inger Christensen

Inger Christensen wurde 1935 im dänischen Vejle geboren. Sie studierte zunächst Medizin, ließ sich dann zur Lehrerin ausbilden und war 1963-64 an der Kunsthochschule in Holbæck tätig. Danach entschied sie sich für die freiberufliche Schriftstellerexistenz. Obgleich sie auch einen Roman, Erzählungen, Essays, Hörspiele, ein Drama und ein Opernlibretto verfasste, wurde Christensen vor allem mit ihrer sprachgewaltigen Lyrik bekannt. Sie machte sich außerdem um die Übertragung deutschsprachiger Autoren wie Paul Celan und Max Frisch ins Dänische verdient.

Christensen gehörte zu den bedeutendsten europäischen Dichtern im 20. Jahrhundert. Ihr schriftstellerisches Debüt gab sie 1962 mit dem Gedichtband »Lys« (Ü: Licht), dem ein Jahr später »Græs« (Ü: Gras) folgte. Die ebene, gleichförmige Landschaft ihrer Heimat, deren Pflanzen und Tiere, der Strand, das Meer, die schneereichen Winter bestimmten die Topographie vieler ihrer Gedichte. Die Thesen über die angeborene Sprachfähigkeit des Menschen, mit welchen der amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky in den sechziger Jahren an die Öffentlichkeit trat, gaben Christensen einen weiteren entscheidenden Impuls für ihre poetische Arbeit. Internationale Aufmerksamkeit erfuhr sie mit den beiden Großgedichten »Det« (zweisprachige dt. Ausgabe: »Det / Das«, 2002) von 1969 und »Alfabet« (zweisprachige dt. Ausgabe: »Alfabet / Alphabet«, 1988) von 1981, denen sie mathematische Ordnungsmodelle zugrundelegte. In den Bereich dieser sogenannten Systemdichtung fällt auch ihr Lyrikband »Brev i april« (1990; dt. »Brief im April«, 1990).

In ihren Gedichten wie auch in ihren Essays zur Poetik befragte Christensen das Verhältnis von Ich und Welt. Sie begriff ihre Gedichte als Lektüren des Universums, sprachliche Annäherungen an eine ideale Harmonie von Ich, Sprache und Kosmos. Beeinflusst war sie dabei auch von der romantischen Vorstellung einer Verschmelzung von Wort und Phänomen. Das dialektische Verhältnis von Unlesbarkeit und Lesbarkeit, Ich und Welt, Sprache und Individuum wird in ihrem Werk nicht aufgelöst zugunsten einer positiven Festschreibung, eines Sich-außerhalb-der-Welt-Stellens, sondern aufrechterhalten als produktiver »Fieberzustand« eines »Eingeborenen, der seine Welt nie von außen sehen kann«: »Und mein Gedicht wird dasselbe Verhältnis zum Weltall haben wie das Auge, das seine eigene Netzhaut nicht sehen kann.« Dabei sind die Übergänge zwischen der Dichterin und der Essayistin Christensen fließend: So wie lyrische Figuren und Motive ihren Essays eine eigene Dichte geben, kehren Gedankenfiguren und Ideenkonfigurationen in den Gedichten wieder, nicht als Fremdkörper, sondern als organischer Bestandteil.

Nach dem Essayband »Hemmelighedstilstanden« (2000; dt. in der Ausgabe »Der Geheimniszustand und das ›Gedicht vom Tod‹«, 1999) wurde zuletzt Christensens Hörspiel »Masser af sne til de traengende får« (1971; dt. »Massenhaft Schnee für die darbenden Schafe«, 2002) ins Deutsche übersetzt. Für ihr Werk wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur und mit dem Nordischen Preis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet. Sie starb am 2. Januar 2009 in Kopenhagen.

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