22. ilb 07. - 17.09.2022

Ilya Kaminsky

Der Dichter, Kritiker, Übersetzer und Lyrik-Professor Ilya Kaminsky wurde 1977 in Odessa, damals Sowjetunion, geboren. Nach einer Mumps-Erkrankung mit vier Jahren wurde er schwerhörig. 1993 wanderte er mit seiner Familie in die USA aus und ließ sich in Rochester, New York, nieder. Dort bekam Kaminsky mit sechzehn Jahren erstmalig ein Hörgerät und nahm die Welt fortan auch akustisch wahr. Für sein späteres Schreiben war dennoch die kindliche Erfahrung prägend: »Ich habe die Welt durch Bilder kennengelernt. Schreiben ist für mich etwas Visuelles.«

Kaminsky, der bereits in der Schulzeit angefangen hatte zu schreiben, verfasst seit 1994 seine Gedichte in englischer Sprache. 2002 erschien seine erste Gedichtsammlung »Musica Humana«. Internationale Bekanntheit erlangte er mit dem in über zwanzig Sprachen übersetzten Gedichtband »Dancing in Odessa« [2004; dt. »Tanzen in Odessa«, 2017]. Es ist ein Buch der Erinnerungen an die Stadt seiner Kindheit und einzelne Menschen dort, und es ist ein Buch der Reflexionen über das Erinnern sowie eine Verarbeitung persönlicher, familiärer und kultureller Geschichte mit Bezügen zu Joseph Brodsky, Marina Zwetajewa, Isaak Babel, Paul Celan u. a. In seinem Geschichtspoem »Deaf Republic« [2019; dt. »Republik der Taubheit«, 2022], das im Laufe von fast zehn Jahren entstand, erzählt Kaminsky vom Krieg, von Gewalt, aber auch von Solidarität: Nach der Erschießung eines tauben Jungen durch Soldaten versammeln sich die Bewohner der Stadt Vasenka, die selbst Kriegsschauplatz ist, und leisten Widerstand, indem sie sich taub stellen. An die Wand der Soldatenbaracken schreiben sie mit Kreide: »Niemand kann euch hören.« Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine wirkt das Buch heute prophetisch. Doch wird auch die vermeintlich sichere Position der Zuschauer:innen, die aus der Ferne das Kriegsgeschehen beobachten, ironisch hervorgehoben.

Zu Kaminskys Ehrungen gehören das Academy of American Poets Fellowship, der National Book Award, der Metcalf Award der American Academy of Arts and Letters, der Whiting Award und das Lannan Fellowship. Die BBC kürte ihn zu einem von zwölf Künstlern, die 2019 die Welt verändert haben. Kaminsky setzt sich für die Übersetzung internationaler Literatur in den Vereinigten Staaten ein. Er war Lyrikredakteur bei »Words Without Borders« und »Poetry International« und hat mehrere Anthologien mit internationaler Lyrik herausgegeben, darunter den Band »Ecco Anthology of International Poetry«, der in den USA zur Schullektüre gehört. Zudem ist er Herausgeber der Buchreihe »Poets in the World«. Kaminsky war Rechtsreferendar für San Francisco Legal Aid und das National Immigration Law Center. Vor Kurzem engagierte er sich ehrenamtlich als vom Gericht bestellter Sonderanwalt für verwaiste Kinder in Südkalifornien. Derzeit hat er den Bourne-Lehrstuhl für Poesie am Georgia Institute of Technology inne und lebt in Atlanta.

Stand: 2022