22. ilb 07. - 17.09.2022

Hoda Barakat

Hoda Barakat wurde 1952 in Beirut geboren und studierte dort an der Lebanese University bis 1975 Französische Sprache und Literatur. Danach arbeitete sie in Paris an ihrer Promotion, entschied sich mit Beginn des libanesischen Bürgerkriegs jedoch, nach Hause zurückzukehren, und arbeitete als Journalistin, Übersetzerin und Lehrerin. 1989 zog Barakat schließlich nach Paris.

1985 veröffentlichte sie ihren ersten Band mit Kurzprosa, »Zaʼirat« (Ü: Die Besucherinnen). Bei aller Themenvielfalt drehen sich die meisten Erzählungen um die täglichen Abläufe im Leben von Frauen. In ihren Romanen behandelt sie häufig den libanesischen Bürgerkrieg (1975–1990) und erzählt von männlichen Außenseitern der libanesischen Gesellschaft. »Hajar al-dahk« (1990; Ü: Der Stein des Lachens) handelt von Khalil, der in einer Identitätskrise steckt und seine homosexuellen Neigungen unterdrückt, die sich in Träumen immer wieder Bahn brechen. Khalil bevorzugt eine Atmosphäre von Harmonie und Sicherheit und mischt sich aus diesem Grund nicht in die Politik ein. Als dann der Krieg ausbricht, steht er mit seinen weiblichen Zügen in einem krassen Widerspruch zum Männlichkeitsideal innerhalb der ringsum herrschenden Gewalt. Im Folgenden verwandelt Khalil sich zum Inbegriff von Männlichkeit und Blutrausch, entfernt sich damit zunehmend von der weiblichen Figur des erzählenden Ichs und deren kritischer Perspektive auf den Krieg. »Ahl al-hawa« (1993; Ü: Die Liebenden) ist der Monolog eines Mannes, der vermeintlich seine Geliebte getötet hat und sich mit seinen Gedanken ebenfalls im Spannungsfeld zwischen Maskulinität und Feminität bewegt. Der Roman »Barid al-lail« (2017; Ü: Nachtpost) spiegelt die Erfahrungen von Flucht und Exil in einer Welt der Umbrüche in Form von Briefen, die ebenso verloren gehen wie ihre heimatlos gewordenen Verfasser. Dabei reflektiert Barakat durchaus auch die Komplexität dieser Fluchtbewegungen: »Sie steigen in Todesboote, und die Welt will sie nicht anders sehen als eine unerwünschte Masse oder als Virus, das die Zivilisation bedroht […]. Ich meine nicht, die westlichen Länder sollen ihre Grenzen öffnen oder die Flüchtenden als Engel betrachten. Ich wollte nur lauschen auf das Leben von Wanderern durch die Wüste dieser Welt.«

Barakats Werke wurden in etwa zwanzig Sprachen übersetzt. Die Autorin wurde mit dem Al-Naqid-Preis, der Nagib-Mahfuz-Medaille für Literatur, dem Al Owais Award, dem Chevalier de lʼOrdre des Arts et des Lettres, dem Chevalier de lʼOrdre du Mérite National und dem International Prize for Arabic Fiction/Booker geehrt. Sie war Stipendiatin des Nantes Institute for Advanced Study und des Wissenschaftskollegs zu Berlin, war im Rahmen des Middle Eastern Studies Program als Gastwissenschaftlerin an mehreren amerikanischen Universitäten tätig und ist heute Mitglied des renommierten Montgomery Fellows Program am Dartmouth College. Sie lebt in Paris.