Judith Hermann

Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Hier studierte sie Germanistik, arbeitete als Kellnerin und Schauspielerin. Nach dem Besuch einer Journalistenschule absolvierte sie in New York bei den deutschsprachigen Zeitungen »New Yorker Staatszeitung« und »Aufbau« ein Praktikum. 1997 erhielt sie von der Akademie der Künste ein Arbeitsstipendium. Im Alfred-Döblin-Haus in Wewelsfleth schrieb sie innerhalb weniger Monate die neun Erzählungen, die 1998 in »Sommerhaus, später« veröffentlicht wurden. Kritik und Publikum reagierten gleichermaßen begeistert und bestätigten die von Marcel Reich-Ranicki im »Literarischen Quartett« verkündete Einschätzung: »Wir haben eine neue Autorin bekommen, eine hervorragende Autorin. Ihr Erfolg wird groß sein.« Hermanns Erzählungen stehen in der Tradition von Tschechow und Carver. Stimmungsreich, detailliert und doch lakonisch schildert die Autorin Alltagsszenen, die sich beiläufig zu einer Handlung entwickeln. »Judith Hermanns Sprache«, so Michael Naumann, »ist sparsam, voller Pausen, verschwiegen fast – so, wie ihre Protagonisten es meistens vorziehen, sprachlos zu handeln. Bisweilen verkörpern sie schattenhafte Erinnerungen an längst vergessene Leidenschaften, ein andermal tatenlose auf ein zukünftiges Glück, das niemals kommen wird.« Seitdem ist sie eine der wenigen Künstlerpersönlichkeiten, die sich auch nach dem Ende des Trends um junge deutsche Literatur und sogenannte »Fräuleinwunder« ihr Ansehen bei Kritik und Leser*innen bewahrt haben.

2003 veröffentlichte sie mit »Nichts als Gespenster« ihren zweiten Erzählband, der den einmal angeschlagenen Ton vor dem Hintergrund internationaler Schauplätze variiert. 2007 kam die Verfilmung des Bestsellers in die Kinos. Zwei Jahre später legte die Autorin mit »Alice« fünf »atmosphärisch ebenso bezwingende wie stilistisch meisterhafte Geschichten vom Sterben und von der Erfahrung des Verlustes« vor, wie die Jury des Friedrich-Hölderlin-Preises lobte. 2014 erschien mit »Aller Liebe Anfang« Hermanns erster Roman. Die Protagonistin lebt mit Mann und Kind in einem namenlosen Vorort. Das Leben scheint ruhig und beschaulich, bis ein Nachbar Stella nachzustellen beginnt. »Ein psychologisches, kluges Buch über die Unwuchten asymmetrischer Nähe in menschlichen Beziehungen«, urteilte »Die Welt«. Mit »Lettipark« (2016) folgte ein Erzählband, ausgezeichnet mit dem dänischen Blixen-Preis für Kurzgeschichten, in dem die Figuren im Vergleich zum Debüt älter, auch bürgerlicher geworden sind; statt ihren Blick sehnsuchtsvoll nach vorne zu richten, schauen sie oftmals mit einer gewissen Wehmut zurück. Rückschau zu halten ist auch ein Thema in »Daheim« (2021), Hermanns zweitem Roman, dessen Ich-Erzählerin es nach dem Ende ihrer Ehe und dem Auszug ihrer Tochter an die Küste zieht. »Das Bezwingende an Judith Hermanns schmalem Roman ist die Atmosphäre«, so Deutschlandfunk Kultur. »Auf hypnotische Weise weiß sie den Zustand ihrer Heldin einzufangen – eine Mischung aus Melancholie, Versenkung und Freiheitsrausch.« Der Roman erhielt eine Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Judith Hermann wurde für ihr Schaffen vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Kleist-Preis und dem Erich-Fried-Preis. Sie lebt in Berlin.