23. ilb 06. – 16.09.2023

Aleksandar Hemon

Aleksandar Hemon wurde 1964 in Sarajevo geboren. Nach seinem Studium der Literaturwissenschaft an der dortigen Universität arbeitete er als Journalist und veröffentlichte erste Kurzgeschichten in serbokroatischen Magazinen. Eine geplante Buchpublikation wurde vom Bosnienkrieg verhindert, dessen Ausbruch im Jahr 1992 der Autor als Teilnehmer eines Kulturaustauschs in Chicago erlebte. Auf seine unfreiwillige Exilierung reagierte er mit einem rigiden Studium der englischen Sprache. Schließlich erwarb er den Magistertitel in Literatur an der Northwestern University. Nach nur drei Jahren publizierte er auf Englisch erste Kurzgeschichten in Magazinen wie »The New Yorker« und »Esquire«.

Hemons Texte wurden von Anfang an begeistert aufgenommen. Mit überbordender Fantasie, lakonischer Ungerührtheit und tragikomischem Humor verwebt der Autor Fiktionalität und Faktualität, Zeitebenen und Erzählperspektiven sowie fragmentarische Textbausteine – Aufzählungen, Zitate, Fotografien. Sein Material schöpft Hemon häufig aus seinem Emigrantenschicksal: seiner hybriden Identität, der in weite Ferne gerückten Vergangenheit eines Auswanderers, der Fremdheit der neuen Heimat. Die Kurzgeschichte »Der Spionagering Sorge« aus der Sammlung »The Question of Bruno« (2000; dt. »Die Sache mit Bruno«, 2000) überlagert eine kindliche Fantasie mit der unergründlichen Wirklichkeit der Erwachsenenwelt und kontrastiert das Familienporträt aus dem Alltag des »real existierenden Sozialismus« mit ausführlichen Fußnoten über das Schicksal des Spions Richard Sorge. Der Protagonist von »Nowhere Man« (2002; dt. 2003), der schon in einer früheren Kurzgeschichte eingeführt wurde, strandet mit seiner Ankunft in Amerika in einem absurden Niemandsland der Selbstfindung. Als Hemons Meisterwerk gilt »The Lazarus Project« (2008; dt. »Lazarus«, 2009). Der Roman verschränkt die Geschichten eines ausgewanderten Schriftstellers mit der seines Rechercheobjekts: eines jüdischen Flüchtlings, der ein Pogrom überlebt, nach Amerika emigriert und hier in einer Polizeiwache – als Anarchist verdächtigt – erschossen wird. Eine Auswahl von Kurzgeschichten erschien 2009 unter dem Titel »Love and Obstacles« (dt. »Liebe und Hindernisse«, 2010). »The Book of my Lives« (2013; dt. »Das Buch meiner Leben«, 2013) ist erneut autobiografisch angelegt, wobei Hemon gekonnt »die Situationen sprechen lässt, statt sich in einem zielgerichteten, chronologisch geordneten Narrativ selber zu bespiegeln« (»NZZ«). Sein Roman »The Making of Zombie Wars« (2015; dt. »Zombie Wars«, 2016) ist eine Persiflage auf die Allmachtsfantasien Amerikas am Vorabend einer erneuten Invasion des Iraks. In seinem jüngsten Memoir-Buch »My Parents / This Does Not Belong to You« (2019; dt. »Meine Eltern. Alles nicht dein Eigen«, 2021) erzählt er die Geschichte der Einwanderung seiner Eltern nach Kanada.

Hemons Werke wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem National Book Critics Circle Award. Er lebt in Chicago.