23. ilb 06. - 16.09.2023

Helena Janeczek

Helena Janeczek wurde als Kind polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender 1964 in München geboren. Nach dem Abitur ging sie 1983 zum Studium nach Italien und nahm die italienische Staatsbürgerschaft an. Sie arbeitete zunächst als Lektorin beim Verlag Adelphi, dort übersetzte sie u. a. Werke von Albert Einstein und Jizchak Katzenelson ins Italienische. Später wechselte sie zum Verlag Mondadori.

1989 erschien ihre erste Gedichtsammlung »Ins Freie«, danach wählte sie das Italienische als Literatursprache. Zum Jahrestag der fünfzigjährigen Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau fuhr sie 1995 zusammen mit ihrer Mutter zur Gedenkfeier. Bis dahin hatte sie nichts vom Tod ihrer Großeltern und ihres Onkels in Auschwitz gewusst. Ihr Roman »Lezioni di tenebra« (1997; dt. »Lektionen des Verborgenen«, 1999) stellt eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte dar und verknüpft Kindheits- und Jugenderinnerungen mit Erzählungen ihrer Mutter. Zudem bietet das Buch eine Reflexion über das biografische Schreiben der zweiten Generation nach dem Holocaust, die durch die erlebten Traumata der Elterngeneration geprägt wurde. Janeczek erhielt für diesen Roman den Premio Bagutta Opera Prima. Es folgte »Cibo« (2002; dt. »Essen«, 2003) über die problematische oder glückliche Beziehung von Frauen (und Männern) zum Essen und zu ihrem Körper. In dem vielfach ausgezeichneten Roman »Le rondini di Montecassino« (2010; Ü: Die Schwalben von Montecassino) verbindet Janeczek Fakten und Fiktion und erzählt von einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Ihre Streitschrift »Bloody Cow« (2012) behandelt den Fall der Vegetarierin Clare Tomkins, die Opfer der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit wurde. In ihrem dritten Roman »La ragazza con la Leica« (2017; dt. »Das Mädchen mit der Leica«, 2020) rekonstruiert Janeczek die Geschichte der jüdischen Kriegsfotografin Gerda Taro aus der Perspektive dreier Wegbegleiter. Taro, Lebens- und Arbeitsgefährtin von Robert Capa, dokumentierte den Spanischen Bürgerkrieg und zahlte dafür mit ihrem Leben. Zur Beerdigung der sozialistischen Aktivistin, die nur 27 Jahre alt wurde, kamen Zehntausende nach Paris, Alberto Giacometti schuf ihr Grabmal. Danach geriet sie in Vergessenheit, bis 2007 in New York ein Koffer mit den verschollenen Negativen auftauchte. Janeczek ergänzt die drei Erzählungen vom Leben dieser leidenschaftlichen Frau durch Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus deren Leben. Der mit dem Premio Strega ausgezeichnete Roman ist gleichzeitig das Porträt einer Epoche: »Das Buch macht einem noch mal plastisch klar, wie sehr Paris in den späten 1920er und in den 1930er Jahren zum Magnet für junge, kreative Expats und Exilanten geworden war« (»Welt Online«).

Janeczek schreibt für die Literaturzeitschrift »Nuovi Argomenti« und kuratiert das Literaturfestival SI Scrittrici Insieme in Gallarate, wo sie auch lebt.