23. ilb 06. – 16.09.2023

Hassan Blasim

Hassan Blasim [Irak, Finnland]

Hassan Blasim wurde 1973 in Bagdad, Irak, geboren. Seine Kindheit verbrachte er zum größten Teil in Kirkuk. Zum Studium an der Filmhochschule kehrte er in die irakische Hauptstadt zurück. 1998 zog er in den kurdischen Teil des Iraks, wo er u. a. den Spielfilm »The Wounded Camera« drehte, der ein brisantes Thema aufgreift – die Zwangsumsiedlung von Kurden durch Saddam Hussein nach einem Aufstand gegen den Diktator. Aus Angst um seine Familie veröffentlichte er die Arbeit unter dem Pseudonym Ouzad Osman. 2000 verließ Blasim den Irak. Größtenteils zu Fuß durchquerte er den Iran, um als illegaler Einwanderer in Istanbul zu arbeiten und das Geld für den Schlepper Richtung Westen zu sparen. Beim vierten Versuch schaffte er es nach Bulgarien. Über Serbien und Ungarn gelangte er 2004 nach Finnland, wo er Asyl erhielt. Heute lebt er in Helsinki.
Für das finnische Fernsehen drehte er zahlreiche Kurzfilme und Dokumentationen. 2009 erschien seine erste Kurzgeschichtensammlung »The Madman of Freedom Square« (dt. »Der Verrückte vom Freiheitsplatz«, 2015), die international für Furore sorgte und mit dem Foreign Fiction Prize sowie dem PEN Writers in Translation Award ausgezeichnet wurde. Den Schrecken, das Leid und die Gefahr des Krieges, des Terrors, der Vertreibung und der Flucht, die Blasims Prosa beherrschen, bricht und verstärkt der Autor gleichzeitig durch Surrealismus, Sarkasmus und Groteske. Viele Rezensenten ziehen Vergleiche mit Autoren wie Gogol, Borges, García Márquez oder Poe. »Wenn Kafka Drehbücher für Splatter-Movies geschrieben hätte, würden sie so klingen wie diese phantastischen und brutalen Geschichten über Krieg, Tod und Flucht im Irak«, mutmaßt etwa Maxim Biller in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«. Erst 2012 erschien die zensierte arabische Originalversion, »Majnūn sāḥat ʾal-ḥurriyya«, die etwa in Jordanien sogleich verboten wurde. Für seine zweite Kurzgeschichtensammlung »ʾal-masīḥ ʾal-ʾirāqī« (2013; Ü: Der irakische Christus) wurde Blasim 2014 als erster arabischer Autor mit dem prestigeträchtigen Independent Foreign Fiction Prize ausgezeichnet. Mit »The Corpse Exhibition« (Ü: Die Leichenausstellung) erschien 2014 eine Sammlung von Kurzgeschichten, die im Irak während des Krieges angesiedelt sind. Schockierend in ihrem Realismus, gleichzeitig mit fantastischen Elementen und schwarzem Humor versehen, erzählen sie von Soldaten, Flüchtlingen und Terroristen, aber auch von Engeln und Dschinns. 2016 gab Blasim mit »Iraq + 100« eine Anthologie von Science-Fiction-Erzählungen irakischer Autor*innen heraus, die einen Blick auf den Irak des Jahres 2103, hundert Jahre nach dem vorerst letzten Krieg dort, werfen. Zuletzt legte Blasim mit »God 99« (2019) einen Roman vor, dessen Protagonist Hassan Owl als Exil-Iraker in Finnland lebt und eine Interviewserie mit Menschen führt, deren Leben von der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Armut geprägt ist. Für den »Guardian« ist Blasim »der wohl beste zeitgenössische arabische Schriftsteller«.