Hasan Ali Toptaş

Portrait Hasan Ali Toptaş
© Ali Ghandtschi

Hasan Ali Toptaş wurde 1958 im südwestanatolischen Baklan geboren. Der Sohn eines Fernfahrers absolvierte nach dem Besuch des Gymnasiums in der Kreisstadt Çal die höhere Berufsschule und schlug sich nach dem Wehrdienst mit Gelegenheitsarbeiten durch, bevor er eine Anstellung bei der Steuerbehörde fand. Er arbeitete in verschiedenen Kleinstädten als Gerichtsvollzieher, Kassenwart und schließlich als Beamter auf dem Steueramt von Sincan bei Ankara. Neben seinem Brotberuf war Toptaş kontinuierlich schriftstellerisch tätig, obwohl sich seine Suche nach Verlegern glücklos gestaltete. Nach der Veröffentlichung von einigen Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien publizierte er seinen ersten Erzählband, »Bir Gülüşün Kimliği« (1987; Ü: Persönlichkeit eines Lächelns), auf eigene Kosten. Seinen zweiten Roman, »Gölgesizler« (1995; dt. »Die Schattenlosen«, 2006), reichte er noch unveröffentlicht bei der Jury des renommierten Yunus-Nadi-Preises ein – und gewann ihn. Nachdem Toptaş 2006 mit der bedeutendsten türkischen Literaturauszeichnung, dem Orhan-Kemal-Preis, ausgezeichnet wurde, erschien das Buch auch in deutscher Sprache. In so klarem wie poetischem Duktus erzählt der Roman mit nahtlos ineinander verwobenen Zeit- und Erzählebenen vom mysteriösen Verschwinden mehrerer Dorfbewohner, darunter des schönsten Mädchens des Ortes. Ihrer Entführung wird ein junger Mann verdächtigt, der verhaftet und gefoltert wird und schließlich den Verstand verliert. Doch wird – anders als im sozialkritischen »Dorfroman«, der mit der türkischen Säkularisierung populär geworden war – kein Aufklärungsprozess beschrieben. Stattdessen verortet der Roman die allgemein menschliche, existenzielle Verunsicherung selbst bei der einfachen Landbevölkerung und wirft Fragen nach den Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum, Realität und Phantasie auf. »Mir kommt es so vor, als wäre alles im Grunde genommen spiralförmig angelegt. Das, was wir zur ›Realität‹ ausweiten oder eliminieren, ist eigentlich die Erschaffung einer Erzählwirklichkeit. Mir geht es darum, eine transzendente Erzählebene zu erschaffen, in der die Einzelteile des Textes ineinander übergehen und die alle Existenzformen gleichzeitig gewährt«, erklärte der Autor in einem Interview.

In der Tradition von Kafka und Borges, Sait Faik, Orhan Kemal und Yaşar Kemal stehend, verbindet Toptaş literarische Formen der Postmoderne wie die Selbstreferentialität und das Stilelement des Tragikomischen mit der osmanischen, oralen Erzählkultur des Märchens. Wegen seiner Verdienste um die Erneuerung der türkischen Literatur wird Toptaş immer wieder in eine Reihe mit Orhan Pamuk gestellt. Er hat inzwischen neben dem Kinderbuch »Ben Bir Gürgen Dalıyım« (1997; Ü: Ich bin ein Buchenzweig) mit »Uykuların Doğusu« (2005; Ü: Östlich der Träume) seinen fünften Roman veröffentlicht. 2006 wurden seine als Lexikoneinträge angelegten lyrischen Texte »Yalnızlıklar« (1990; Ü: Einsamkeiten) ins Flämische übersetzt und für die Bühne adaptiert. Toptaş ging 2005 in den vorzeitigen Ruhestand und widmet sich seither ganz dem Schreiben.

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