23. ilb 06. – 16.09.2023

Haris Vlavianos

Haris Vlavianos wurde 1957 in Rom geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und Philosophie in Bristol und Politikwissenschaften und Geschichte in Oxford. Herkunft, Sprache und Wohnort weisen ihn dennoch als griechischen Autor aus.

Kundigen Leser:innen kann Vlavianos’ Interesse an der Dichtung neugriechischer Klassiker wie Konstantinos Kavafis, Giorgos Seferis oder Nikos Karousos nicht entgehen. Mindestens ebenso deutlich sind die Korrespondenzen zwischen seiner Lyrik und den Werken angelsächsischer Autor:innen, die er übersetzt hat, wie Wallace Stevens oder John Ashbery. Dabei gelingt es Vlavianos stets, ein Gleichgewicht zwischen Abstraktion und Sinnlichkeit, zwischen von Rationalität geprägter Reflexion und der Schaffung einer suggestiven Atmosphäre zu wahren. Häufiges Thema ist die Geschichte – als Begriff wie als Folge von Ereignissen. Meist gehen Vlavianos’ Gedichte auch auf Wechselfälle im Leben seiner Familie zurück, die er als archetypische Beispiele von emotionaler Abhängigkeit, Verlust oder Verrat zu behandeln versteht. Dagegen erscheinen Erotik und Liebe in seinem Werk sowohl in ihrer Ambivalenz wie auch als Ursprung eines elementaren Glücksgefühls. Eine Inspirationsquelle ist auch die Dichtung selbst und ihr prekärer Status. Einige seiner Gedichte nehmen direkt auf aktuelle philosophische Diskurse Bezug. Vlavianos bedient sich einer äußerst eleganten Sprache, die eine grundsätzliche Festlegung auf formale Transparenz mit wenigen, gezielt eingesetzten syntaktischen und lexikalischen Normverstößen verbindet. Es ist der Klang dieser Sprache, der ungeachtet der strukturellen Vielfalt von Vlavianos’ Lyrik den Eindruck erweckt, einem stilistisch einheitlichen Werk zu begegnen. Und es mag dieser besondere Klang sein, der dazu berechtigen könnte, von einer qualitativen Bereicherung der europäischen Lyrik durch Vlavianos zu sprechen.

Zu Vlavianosʼ Gedichtbänden gehören die Titel »O aggelos tis istorias« [1999; dt. »Der Engel der Geschichte«, 2001] und »Meta to telos tis omorphias« [2003; dt. »Nach dem Ende der Schönheit«, 2007]. Mit beiden wurde er für den Griechischen Staatspreis nominiert. Daneben veröffentlichte er zahlreiche Übersetzungen, darunter jüngst drei Sammlungen der amerikanischen Nobelpreisträgerin Louise Glück sowie Werke von T. S. Eliot, Gedichte von Emily Dickinsons u. v. m. 2014 erschien der autobiografische Roman »To aima nero« [dt. »Blut ist Wasser«, 2017]. In 45 Prosaminiaturen von unterschiedlicher Länge lässt der Autor Schlüsselszenen seines Lebens vor dem Hintergrund verschiedener Schauplätze wie Rom, São Paulo oder Athen Revue passieren und erzählt die archetypische Geschichte von Verletzung und Vergebung. Sein jüngster Gedichtband »Aftoprosopografia tou lefkou« [2018; Ü: Selbstporträt in Weiß] gewann den National Poetry Prize, den Poetry Prize of the Academy of Athens, den Critic’s Poetry Prize und den Readers’ Poetry Prize. Zuletzt erschien von ihm »Tora tha miliso ego« [2021; Ü: Jetzt spreche ich], ein dramatischer Monolog über die Beziehung zu seiner suchtkranken Schwester, die drei Jahre zuvor an einer Überdosis starb.

Vlavianos lebt in Athen, wo er Geschichte und Ideengeschichte am American College of Greece sowie Kreatives Schreiben lehrt. Er ist außerdem Herausgeber der renommierten Literaturzeitschrift »Poiitiki« [Ü: Dichtung].

Stand: 2022