23. ilb 06. – 16.09.2023

Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus Enzensberger wurde 1929 in Kaufbeuren geboren. Er wuchs in Nürnberg auf, wo er zum Ende des Krieges noch zum »Volkssturm« eingezogen wurde. Sein Studium der Literaturwissenschaft, Philosophie und der Sprachen in Erlangen, Freiburg im Breisgau, Hamburg und Paris schloss er 1955 mit einer Promotion über Clemens v. Brentanos Poetik ab. Er arbeitete zunächst als Rundfunkredakteur in Stuttgart und als Gastdozent an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Enzensberger war Mitglied der Gruppe 47; 1957 veröffentlichte er sein Lyrikdebüt »verteidigung der wölfe«, in dem er mit klarer Sprache und in herausforderndem Ton seine kritische Beobachtung des bundesrepublikanischen Deutschland aufnimmt. Während der nachfolgende Gedichtband »landessprache« (1960) verstärkten Protest artikuliert, beinhaltet »blindenschrift« (1964) elegischere Ding-Gedichte.

Der Lyriker und in vielen Genres und Medien innovativ wirkende Autor ist auch als unangepasster und einflussreicher Herausgeber und Essayist tätig. 1960 gab er die inzwischen weit verbreitete Lyrikanthologie »Museum der modernen Poesie« heraus. Darin wurden deutschen Lesern bislang wenig bekannte Autoren wie William Carlos Williams, Fernando Pessoa oder Lars Gustafsson vorgestellt. In dieser Zeit begann Enzensberger auch seine kongeniale Übersetzertätigkeit. 1965 gründete er die Zeitschrift »Kursbuch«, in der medien- und sprachkritische Texte veröffentlicht wurden. Sie war ein legendäres Forum der Studentenbewegung. Mitte der siebziger Jahre wandte sich Enzensberger nach mehreren Essaybänden und aus dokumentarischen Materialien collagierten Texten verstärkt der Bühne und dem Versepos zu und schrieb mehrere fortschrittskritische Stücke, darunter den Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur »Der Untergang der Titanic« (1978). 1980 gründete er die Zeitschrift »TransAtlantic«. Fünf Jahre später begann er mit der Herausgabe der »Anderen Bibliothek«. Unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr erschien als deren neunter Band »Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen« (1985). Unter dem gleichen Autorennamen wurde zuletzt das Jugendsachbuch »Lyrik nervt! Erste Hilfe für gestresste Leser« (2004) veröffentlicht – eine provokante und dabei ironische Kulturinitiative, wie auch der von Enzensberger im Jahr 2000 installierte »Lyrikautomat«, der kombinatorisch Gedichte generiert. Der aufklärerische Impetus des Autors zeigte sich immer wieder auf ungewöhnlichen Gebieten, zum Beispiel mit »Der Zahlenteufel. Ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben« (1997). Enzensberger gab 2004 drei der wichtigsten Werke Alexander von Humboldts heraus. Im selben Jahr erschienen die »Dialoge zwischen Unsterblichen, Lebendigen und Toten« (2004), Prosastücke, die im Rekurs auf historische Persönlichkeiten den heutigen Zeitgeist erhellen. Nach zwei Gedichtbänden im Jahr 2005, veröffentlichte Enzensberger 2006 erneut zwei Bücher: „Schreckens Männer“, ein „Versuch über den radikalen Verlierer“, widmet sich dem aktuellen, radikalen Islamismus und dem Phänomen des Selbstmordattentats. „Josefine und Ich“ ist eine tragikomische Prosaerzählung zwischen Kunst und Politik.

Schon 1963 wurde Enzensberger der Georg-Büchner-Preis verliehen. Neben einer Vielzahl weiterer deutscher Literaturpreise erhielt der Autor den italienischen Premio Bollati und den spanischen Premio Príncipe de Asturias. Außerdem ist er Mitglied des Ordens »Pour le mérite«. Der weitgereiste Schriftsteller, der Mexiko, Kuba, Süd- und Nordamerika ebenso kennenlernte wie die Sowjetunion und den Nahen Osten, lebte schon in Norwegen, Italien, den USA und West-Berlin. Seit 1979 hat er seinen Wohnsitz in München.

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