23. ilb 06. – 16.09.2023

Grégoire Solotareff

„Wenn man Kinderbücher macht, dann macht man sie eigentlich immer vor allem für sich, für das Kind, das man war und das man im Innern – hoffentlich – immer noch ist.“ Grégoire Solotareff ist ein Kind verschiedener Kulturen. Er wurde 1953 in Alexandria, Ägypten, als Sohn des libanesischen Arztes Henri El-Kayem und der russischen Emigrantin und Künstlerin Olga Solotareff-Lecaye geboren. Politische Wirren, Umstürze und Bürgerkriege führten die Familie Ende der fünfziger Jahre von Ägypten in den Libanon und schließlich nach Frankreich. In Solotareffs Familie ging man nicht zur Schule, statt dessen wurde zuhause gelernt, gezeichnet und erzählt. Aus dieser Zeit stammt seine große Vertrautheit mit Malblock und Büchern. Wie sein Vater, einst Leibarzt des ägyptischen Kronprinzen, studierte Solotareff Medizin und arbeitete fünf Jahre lang als Arzt. Im Laufe der Zeit begann er wieder zu zeichnen und hatte den Eindruck, damit an etwas lange Verschüttetes anzuknüpfen, das den Namen ‚Kindheit’ trägt. Heute gehört Solotareff zu den bedeutendsten europäischen Illustratoren und Autoren. Seit Mitte der achtziger Jahre entstanden mehr als 120 Bücher, die weltweit übersetzt, ausgestellt und inszeniert wurden. Das Spektrum seines Werks ist groß: badewannentaugliche Plastik-Leporellos für die Kleinsten, unzählige Bilderbücher und Geschichten, ein Roman für Kinder und einige Bücher, die Olga Lecaye und seine Schwester Nadja illustriert haben. Im Jahr 2003 kam „Loulou et autres loups“ in die französischen Kinos, fünf animierte Kurzfilme, basierend auf Solotareffs Bilderbuch „Loulou“ (1989; dt. „Wer hat Angst vor einem Hasen“, 1994) über einen jungen Wolf, der sich ausgerechnet mit einem Hasen anfreundet. Auf der Berlinale 2007 lief in der Kinder- und Jugendfilmsektion Generation Solotareffs erster animierter Langfilm „U“, ein Märchen vom Erwachsenwerden einer Prinzessin, der ein sprechendes Einhorn als Freund zur Seite steht.

Solotareff hat einen neuen Farb-Ton in die Kinderliteratur gebracht. Aufmüpfig, frech, mit boshaftem Humor, märchenhaft und geheimnisvoll, aber nie harmlos, erzählt er von Freundschaft und Liebe – stets in seiner klaren, reduzierten Handschrift und in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau. Solotareff zeigt Tiere, die für ihn „Karikaturen der Menschen“ sind. Seine Bilder werden von verträumten Hasen, einsamen Wölfen, italienischen Mäusen, berufsmüden Kobolden, frierenden Krokodilen und verliebten Fröschen bevölkert. In seinem gefeierten Bilderbuch „Toi grand et moi petit“ (1996; dt. „Du groß, und ich klein“, 1996) – 1997 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet – schließt ein schutzbedürftiger Elefant Freundschaft mit dem mächtigen Löwenkönig, die ins Wanken gerät, als der kleine Elefant mit der Zeit über seinen königlichen Freund hinauswächst. Die uralte Geschichte von Vater und Sohn, von Macht und Ohnmacht, leuchtet Solotareff in aufregend intensiven Bildern aus. Die flächig aufgetragenen, reinen und lichtvollen Farben und ihre schwarze Kontur fügen die vereinfachten, aber nie einfachen Formen zu einer harmonischen Einheit. „Ich suche in meinen Bildern wie in meiner Seele beide Seiten zu vereinen – das Streben nach Sanftheit, nach Glück, nach intensiven und starken Dingen einerseits und gleichzeitig nach Dingen, die aufwecken, nach Humor und Boshaftigkeit.“

Für sein Werk wurde Grégoire Solotareff mit den bedeutendsten Auszeichnungen Frankreichs und einer Vielzahl internationaler Ehrungen bedacht, u. a. mit dem Prix de Montreuil (1992) und dem Bologna Ragazzi Award (1993). 2004 war er Finalist des Hans-Christian-Andersen-Awards. Er lebt und zeichnet in Paris.

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