23. ilb 06. – 16.09.2023

Gore Vidal

Gore Vidal wurde 1925 in Westpoint, New York, geboren. Sein vollständiger Taufname, Eugene Luther Gore Vidal, verweist auf seinen Großvater, den Senator Thomas Pryor Gore, und damit auf seine Herkunft aus einer der politisch einflussreichsten Familien der USA. Mit 18 Jahren trat er in die Armee ein und diente 1945 als Stabsobermaat auf einem Transportschiff in den Alëuten vor Alaska. Zu dieser Zeit entstand sein erster Roman „Williwaw“, eine an Hemingway und Melville orientierte Seefahrergeschichte, die er 1946 veröffentlichte. Nach diesem ersten Erfolg gab er seine Stellung bei einem Verlag, die er nach der Ausmusterung angenommen hatte, auf. Als freier Schriftsteller zog er 1946 nach Guatemala und brach 1948 zu einer ausgedehnten Europareise auf, in deren Verlauf er mit literarischen Größen wie André Gide persönlich bekannt wurde. Im gleichen Jahr wurde sein Roman „The City and the Pillar“ (dt. „Geschlossener Kreis“, 1986) veröffentlicht, der die Öffentlichkeit schockierte, weil in ihm erstmals ein homosexueller Protagonist agierte, der weder exzentrisch war noch sich in einem zweifelhaften Milieu bewegte, sondern aus der kleinbürgerlichen Mitte der Gesellschaft stammte. Trotz dieses ersten Bestsellers blieb ihm die Anerkennung der Kritik in den Folgejahren verwehrt. Vidal wandte sich daraufhin Detektivgeschichten, Drehbüchern für Film und Fernsehen sowie Broadway-Stücken und Essays zu.

Nicht zuletzt durch die familiäre Nähe zu den Mächtigen des Landes entwickelte Vidal politisches Gespür. Seit Mitte der fünfziger Jahre war sein aktives Engagement in der Politik der Vereinigten Staaten unübersehbar, er kandidierte für politische Ämter und gehörte dem ‚inner circle’ von John F. Kennedy an.

Minutiös recherchierte historische Romane, in denen antike und amerikanische Geschichte und ihre ambivalenten Helden wie Julian, Xerxes, Lincoln und Burr charakterisiert werden, spiegeln eine Facette seines produktiven, in allen Sparten beheimateten Œvres. Eine andere ist die parodistische Komponente, die z. B. im Spiel mit der Travestie, wie in „Myra Breckinridge“ (1968; dt. 1969), deutlich wird oder in „Messiah“ (1954; dt. „Messias“, 1977) und „Live from Golgotha“ (1992; dt. “Golgatha live“, 1993), wenn die christlich-scheinheiligen Fundamente der Gesellschaft infrage gestellt werden. Sein Ruf als bissiger und präziser Kommentator der politischen Verhältnisse in den USA ist legendär. Aktueller Beleg dafür sind seine auch in deutscher Übersetzung erschienenen Essaybände „Perpetual War for Perpetual Peace“ (2002; dt. „Ewiger Krieg für ewigen Frieden“, 2002), „Goat Song“ (2002; dt.  „Bocksgesang“; 2003) und „Imperial America“ (2004; dt. „Die vergessliche Nation. Wie die Amerikaner ihr politisches Gedächtnis verkaufen“, 2004), in denen er vor allem die amerikanische Außenpolitik kritisiert. Nach vielen Jahren in Italien lebte Gore Vidal hauptsächlich wieder in den USA und verstarb am 31. Juli 2012 im Alter von 86 Jahren in Los Angelas.

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