23. ilb 06. - 16.09.2023

Gilles Leroy

Gilles Leroy wurde 1958 im Pariser Vorort Bagneux geboren. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft schlug er sich zunächst mit Gelegenheitsjobs durch. Später arbeitete er als Dozent für moderne Literatur und als Journalist für die Architektur- und Designzeitschrift »L´art vivant«. Drei Jahre, nachdem sein Erstlingswerk »Habibi« 1987 veröffentlicht worden war, begann er, als freier Schriftsteller zu leben. Seitdem veröffentlichte er elf weitere, überwiegend autobiografisch inspirierte Romane und Erzählungen. »Um zu schreiben, bediene ich mich des ersten Stoffes, des offensichtlichsten, den ich vor Augen habe: meines Lebens.« Seine von der Bewunderung für die amerikanische Literatur geprägten Romane verbinden Realität und Fiktion und zeichnen sich sowohl durch feinfühlige, direkte, präzise Schilderungen als auch durch opulente Metaphern aus. Dabei schreckt der Autor nicht vor der Darstellung von Inti mit ätstabus und tiefsten Emotionen zurück.

Beispielhaft hierfür ist die Erzählung »Maman est morte« (1990; Ü: Mama ist gestorben), die den der Sterbensweg seiner Mutter, die dem Brustkrebs erlag, in Form eines Tagebuchs nachzeichnet. »L´amant russe« (2002; Ü: Der russische Liebhaber) schildert eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zwischen einem französischen Studenten und einem älteren russischen Mann, die sich im Leningrad der Breschnew-Ära begegnen. 1996 ließ sich Leroy in der Champagne nieder. »Champsecret« (2005) verbindet Naturbeschreibungen mit homoerotischen Begegnungen des Protagonisten, der den Namen des Autors trägt.

Leroys letzter Roman behandelt eine andere Biografie. »Alabama Song« (2007; dt. 2008) ist ein sensibles Psychogramm von Zelda Sayre Fitzgerald, der Frau der Schriftstellers F. Scott Fitzgerald. Abwechselnd aus der Ich-Perspektive seiner Protagonistin als jüngerer und älterer Frau erzählt, wird ein differenziertes, wenn auch eindeutig subjektives Bild auf die von Rivalität, Provokationen und Exzessen geprägte Beziehung des glamourösen Paares gegeben. Beide sind von Verlangen und Sehnsucht Getriebene, deren Hunger nach Ansehen und Überschreitung konventioneller und individueller Grenzen sie an der Welt und aneinander leiden lässt. Zeldas bisweilen naiver Blick enthüllt gleichwohl eine scharfe Analyse ihrer Mitmenschen. Als schizophren diagnostiziert, stirbt sie nach einem langen Leidensweg durch verschiedene psychiatrischen Anstalten mit 48 Jahren bei einem Brand in einer Klinik.

Der Roman wurde 2007 mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet. Zu Leroys weiteren Auszeichnungen gehören der Prix Nanterre de la nouvelle, der Prix Valéry Larbaud und der Prix Millepages. Leroy ist Chevalier des Arts et des Lettres. Er lebt in der nordfranzösischen Region Perche.

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