22. ilb 07. - 17.09.2022

Georg Stefan Troller

Georg Stefan Troller wurde 1921 in Wien geboren und machte eine Lehre als Buchbinder. Mit sechzehn, kurz nach den Novemberpogromen, floh er vor der nationalsozialistischen Verfolgung über die Tschechoslowakei nach Frankreich, im Gepäck Karl Kraus’ »Die letzten Tage der Menschheit«. 1941 erhielt er in Marseille ein amerikanisches Visum. In den USA wurde er 1943 zum Militärdienst eingezogen und kam als junger GI in einem Team von deutschsprachigen Gefangenenvernehmern nach Deutschland. Anschließend studierte er Anglistik und Theaterwissenschaften u. a. an der University of California in Los Angeles und begann als Reporter für Zeitungen und den Rundfunk zu arbeiten.

Berühmt wurde Troller mit dem WDR-Fernsehmagazin »Pariser Journal«, das er über fünfzig Folgen hinweg zwischen 1962 und 1971, oft entgegen den Konventionen des Senders, moderierte und produzierte. »Diese Sendung hat mich überhaupt erst zum Menschen gemacht«, resümierte er später. Unter seinen Gesprächspartner*innen waren zahllose Berühmtheiten ebenso wie »Exzentriker, Streuner, Mädchenaufreißer« – »das wilde unbürgerliche Paris, das lebendige«, so Troller in seiner Autobiografie, der (später selbst verfilmten) »Selbstbeschreibung« (1988/2009). Ihnen näherte er sich auf einzigartig-eigenwillige Weise. Mit biografisch begründeter Dringlichkeit und direkten, oft existenziellen Fragen entlockte er ihnen ihre jeweiligen Wahrheiten. Ebenso charakteristisch sind seine geschliffenen, oftmals von ironischem Humor durchdrungenen Kommentare, die auch seine spätere Porträt-Reihe »Personenbeschreibung« prägten. Als »Menschenbewunderer, Menschenerfasser, Menschenerforscher« und viel zitiert auch als »Menschenfresser« bezeichnete sich der unermüdliche Dokumentarist, der seine Arbeit mit der existenziellen Angst der Verfolgung verbunden sieht: »Dieser passionierte Umgang mit Sprache, woher kommt er denn anders als aus schmerzlicher Jugenderfahrung der Vertreibung, nicht nur von der Heimat, sondern auch ihrem Sprachraum. Und aus der geradezu grotesken Sehnsucht nach deutschen Worten, über Jahre der Emigration hinweg«, schreibt er in dem Porträtband »Lebensgeschichten« (2007).

Neben etlichen Dokumentarfilmen verfasste er zahlreiche Drehbücher (u. a. für Axel Cortis Trilogie »Wohin und zurück« und Robert Schindels Romanverfilmung »Gebürtig«) sowie mehrere Bände über Paris und seine Begegnungen mit Prominenten und Künstler*innen. Wiederholt erhielt er den Grimme-Preis sowie die Goldene Nymphe des Fernsehfestivals von Monte Carlo und wurde zudem u. a. mit dem Erich-Salomon-Preis (1975), dem Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste (1986), dem Bundesverdienstkreuz (2002), dem Schillerpreis der Stadt Mannheim (2012) und dem Ehrenpreis des Deutschen Dokumentarfilmpreises (2021) geehrt. Troller lebt seit 1949 in Paris.