23. ilb 06. – 16.09.2023

Friederike Mayröcker

Friederike Mayröcker wurde 1924 in Wien geboren. Im Zweiten Weltkrieg als Luftwaffenhelferin eingezogen, absolvierte sie erst 1950 die »Externistenmatura«, arbeitete aber schon seit 1946 als Englischlehrerin an Wiener Hauptschulen. Ihre ersten Gedichte erschienen in der Wiener Avantgarde-Zeitschrift »Plan«. 1956 wurde ihr Debüt »Larifari. Ein konfuses Buch« veröffentlicht.

Mayröcker stand in loser Verbindung zur »Wiener Gruppe«, setzte sich aber von Anfang an von deren »Konkreter Poesie« ab. Statt den materiellen Charakter der Sprache auszustellen, arbeitet sie vor allem mit ihrem imaginativen Aspekt. Ihr erster Lyrikband »metaphorisch« (1965) enthält acht lange Gedichte. Ein Jahr später erschien »Tod durch Musen« (1966), eine Sammlung, die Gedichte ganz unterschiedlicher Bauformen vereint. Mayröckers vielschichtige Textkonstruktionen stehen in der Tradition von Surrealismus und Dadaismus und zeigen mannigfaltige Einflüsse, darunter die Werke von Beckett, Hölderlin, Freud und Barthes. Zitat und Montage sind zwei zentrale Kompositionstechniken der Dichterin, die sie besonders in ihrem Prosawerk immer wieder darstellt und reflektiert. Dem Zustand unablässiger Aufmerksamkeit und dem Sammeln von sprachlichen Versatzstücken – nicht nur aus der Literatur, sondern aus dem alltäglichen Leben, beispielsweise aus privater Korrespondenz oder Zeitungsartikeln – folgt ein Prozess synthetisierender Überarbeitung, aus dem neuartige und dichte, oft als »magisch« charakterisierte Textgebilde entstehen.

Seit sich Mayröcker 1969 von ihrer Lehrtätigkeit beurlauben ließ, ist der Hauptteil ihres Werkes erschienen, das mittlerweile über achtzig Titel umfasst: neben Gedichtbänden auch Erzählungen, Bühnentexte, Kinderbücher und Hörspiele. Für »Fünf Mann Menschen« (1969), das sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Ernst Jandl verfasste, erhielten beide den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Bis heute wurde Mayröcker mit zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Großen Österreichischen Staatspreis, dem Friedrich-Hölderlin-Preis, dem Georg-Büchner-Preis und dem Premio Internazionale. Wie in einigen Titeln ihrer Hörspiele anklingt – »Die Umarmung nach Picasso« (1986), »Repetitionen, nach Max Ernst« (1989) oder »Schubertnotizen oder Das unbestechliche Muster der Ekstase« (1987) – nährt sich ihr Werk auch aus dem Dialog mit der Musik und der bildenden Kunst. Mayröcker integriert mitunter eigene Zeichnungen in ihre Texte und ist damit auch in Ausstellungen hervorgetreten.

Die anfangs deutlich experimentelle Schreibweise näherte sich in Mayröckers späteren Werken formal immer mehr einem nahtlos verschliffenen Erzählstrom. Schon »brütt oder Die seufzenden Gärten« (1998) überraschte mit seiner Romanform. Seit dem Tod Ernst Jandls im Jahr 2000 schrieb Mayröcker mehrere Prosastücke über ihn und ihr gemeinsames Leben, darunter »Requiem für Ernst Jandl« (2001) und zuletzt »Und ich schüttelte einen Liebling« (2005). Bezugspunkt und bleibender Gesprächspartner ist Jandl auch in vielen ihrer neueren Gedichte, die u.a. in »Gesammelte Gedichte. 1939-2003« (2003) aufgenommen sind. Mayröcker gilt als eine der bedeutendsten Stimmen zeitgenössischer deutschsprachiger Lyrik. Sie lebt in Wien.

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