23. ilb 06. – 16.09.2023

Faruk Šehić

Faruk Šehić wurde 1970 in Bihać in der damaligen Republik Jugoslawien geboren. Er studierte Veterinärmedizin und war ab 1992 Soldat im Bosnienkrieg. Ab 1997 studierte Šehić in Sarajevo Literaturwissenschaft und begann zur selben Zeit mit dem Schreiben von Prosa und Lyrik.

2000 erschien sein erster Lyrikband »Pjesme u nastajanju« [Ü: Aufkommende Lieder]. Der darauffolgende Band »Hit depot« [2003] zeigt bereits ein zentrales Thema seines literarischen Schaffens: das Leben in einer Gesellschaft, die durch den Krieg traumatisiert ist. 2004 erschien Šehićs erster Band mit Kurzprosa unter dem Titel »Pod pritiskom« [Ü: Unter Druck]. Sein Debütroman »Knjiga o Uni« [2011; Ü: Buch über die Una] handelt von einem Mann, der als Soldat im Bosnienkrieg gekämpft hat und nun versucht, die Erlebnisse aus der Zeit zu verarbeiten. Neben Rückblenden in seine Kindheit in Friedenszeiten und Schilderungen des Kriegs geht es um den Versuch, in einer zerstörten Stadt ein neues Leben anzufangen. Der titelgebende Fluss Una, ein Nebenarm der Save im Nordwesten von Bosnien und Herzegowina, ist die mythenumwobene Konstante innerhalb der wechselhaften Geschichte sowie stumme Zeugin, die den Protagonisten an seine friedvolle Kindheit erinnert. »Mit seiner Auslotung der Themen Krieg und Frieden, Unschuld und Trauer hat Šehić eine demutsvolle Meditation über ein existenzielles Rätsel verfasst«, so »The Guardian«, »wie man das innere Selbst erhält inmitten einer Welt, die es auf unvorstellbare Weise angreift.«

Nach der Una wurden auch andere Flüsse in Europa Teil des lyrischen Werks von Faruk Šehić. So widmete er im Band »Moje rijeke« [2014; Ü: Meine Flüsse] je einen Zyklus der Loire, der Drina, aber auch der Spree und Berlin. Sein Band mit Kurzprosa »Priče sa satnim mehanizmom« [2018; dt. »Uhrwerksgeschichten«, 2020] greift wiederum die Themen Kriegstrauma und die dadurch verursachte Diskontinuität menschlichen Lebens auf. Die hyperrealistische Erzählweise, die ins Fantastische und Futuristische ausgreift, ist auch prägend für Šehićs jüngsten, transrealistischen Roman »Greta«. Ein zentraler Gedanke des Werks ist die Magie der Vorstellungskraft, die Realität zu erschaffen imstande ist.

2017 war der Autor Stipendiat des Literarischen Colloquiums Berlin. Dort entstand sein poetischer Text »Auslenderska berlinologija« [Ü: Ausländer-Berlinologie], der auf der Kulturwebsite nomad.ba veröffentlicht wurde. Neben anderen Auszeichnungen erhielt Šehić für seinen Roman »Knjiga o Uni« 2011 den Meša-Selimović-Preis und 2013 den Literaturpreis der Europäischen Union. Seine Werke wurden u. a. ins Französische, Ungarische, Polnische, Englische, Deutsche und Italienische übersetzt. Šehić schreibt auch als Journalist für das Nachrichtenmagazin »BH Dani« und die Sarajevoer Tageszeitung »Oslobođenje«. Der Autor lebt in Sarajevo. 2022 ist er Gast beim Künstlerprogramm des DAAD.

Stand: 2022