22. ilb 07. - 17.09.2022

Faribā Vafī

Faribā Vafī wurde 1963 in Täbris, der Hauptstadt der iranischen Provinz Ost-Aserbaidschan, geboren. Sie gilt als eine der führenden und populärsten Schriftstellerinnen des Landes. Mit ihren minimalistischen, poetisch verdichteten Schilderungen alltäglicher Tristesse und innerer Zerrissenheit ermöglicht sie einer westlichen Leserschaft Innenansichten, fernab von orientalischen Stereotypen. Bereits in jungen Jahren begann sie Erzählungen zu verfassen. Erste Kurzgeschichten publizierte sie u. a. in »Adineh«, der wichtigsten unabhängigen Zeitschrift für Kunst, Gesellschaft und Politik im Iran der 1980er und 1990er Jahre, mitbegründet von Faradsch Sarkuhi.

Vafī ist Autorin von sieben Romanen und fünf Erzählbänden. Das in mehrere Sprachen übersetzte Romandebüt »Parande-ye-man« (2002; dt. »Kellervogel«, 2012) schildert aus der Ich-Perspektive die Bürden, die auf einer Mutter lasten, deren Ehemann vom Gedanken an eine Emigration nach Kanada besessen ist. In der Introvertiertheit der Erzählerin eröffnet sich eine ungeahnte sprachliche Dimension, die das Hadern zwischen Dableiben und vermeintlicher Freiheit im Ausland birgt. »Tarlan« (2006; dt. 2015) spielt während der politischen Umbrüche nach der Absetzung des Schahs und zeigt eine junge Frau, die im Streben nach Selbstbestimmung gezwungen ist, zwischen Tradition und Moderne zu navigieren. Aus Furcht vor Erwerbslosigkeit entschließt sie sich zur Ausbildung an einer Polizeiakademie. Der Kasernenroutine und den gesellschaftlichen Zwängen vermag sie lediglich dank ihrer Freundin Rana, der Lektüre von Tolstoi oder Michail Scholochow sowie eigener schriftstellerischer Ambitionen zu entfliehen. »Grundsätzlich, glaube ich, ist der Akt des Schreibens in gewisser Weise immer ein politischer. Sobald Sie mit dem Schreiben beginnen, sind Sie dabei, einen Raum für sich zu öffnen – einen Raum, der Ihnen vorher wahrscheinlich nicht zur Verfügung gestellt, Ihnen genommen oder vorenthalten wurde«, sagte Vafī später in einem Interview. In »Rowya-ye-Tabbat« (2007; dt. »Der Traum von Tibet«, 2018) wendet sich die Erzählerin nach einem schmerzlichen Beziehungsende in einer intimen, Rückschau haltenden Beichte an ihre Halbschwester, bei der sie Unterschlupf findet. Nächtens geplagt von einem wiederkehrenden Albtraum, reflektiert die an der persönlichen Krise wachsende Scholeh im familiären Zusammenleben über ihre eigene Unabhängigkeit. Wie immer schlägt Vafī leise Töne an, doch lässt sie hier erstmals Sprünge in Zeit und Raum zu und literarisch geschaffene Fakten und Fantasie unentwirrbar nebeneinanderstehen.

Zu Vafīs Ehrungen gehören der Huschang-Golschiri-, der Yalda-, der Mehregan-Adab- sowie der Literaturpreis von Isfahan. 2017 wurde sie zudem mit dem neu gegründeten Ahmad-Mahmoud-Preis und auf der Frankfurter Buchmesse mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet. Vafī lebt in Teheran, 2020 ist sie Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.