23. ilb 06. – 16.09.2023

Eva Menasse

Portrait Eva Menasse
© Hartwig Klappert

Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren. Sie studierte Germanistik und Geschichte und arbeitete als Journalistin für das Wiener Nachrichtenmagazin »Profil« und als Kulturredakteurin für die »FAZ«. 2000 berichtete sie mehrere Wochen lang vom Londoner Prozess um den Holocaustleugner David Irving. Menasses erste eigene Buchveröffentlichung behandelte diesen Fall und erschien unter dem Titel »Der Holocaust vor Gericht« [2000].

Angesichts der beruflichen Laufbahn Menasses verwundert es nicht, dass auch die Entstehung ihres ersten Romans »Vienna« [2005] von ihrer journalistischen Erfahrung geprägt ist. Den Stoff für die Geschichte einer Familie mit halb jüdischen, halb christlichen Wurzeln im Österreich des 20. Jahrhunderts sammelte die Autorin, indem sie Interviews mit ihrer Verwandtschaft führte und über die Zeit um den Zweiten Weltkrieg herum recherchierte. Das Porträt der quirligen Familie, hinter deren anekdotenreicher Erzählkultur sich die Angst vor den schmerzlichen historischen Einschnitten in der eigenen Geschichte verbirgt, erinnert daher an manchen Stellen an die Familie Menasse selbst. Dem erfolgreichen und in viele Sprachen übersetzten Romandebüt der Autorin folgte 2009 ihre Kurzgeschichtensammlung »Lässliche Todsünden« mit sieben Erzählungen über moderne Sündenfälle. 2013 erschien ihr Roman »Quasikristalle«, in dem sie die Biografie einer Frau in ihren unterschiedlichen Aspekten zeigt, sie als Mutter und Tochter, Freundin, Mieterin und Patientin, als flüchtige Bekannte und treulose Ehefrau porträtiert und zugleich die Fragen nach Wahrnehmung und Wahrheit stellt: »Es ist ein Vergnügen, ein Buch zu lesen, das so sehr im Heute zu Hause ist« [»Der Spiegel«]. In »Tiere für Fortgeschrittene« [2017] sind acht Erzählungen über Alltagsprobleme von beeindruckend »normalen« Helden versammelt. In ihrem neuen Roman »Dunkelblum« [2021], einem schaurig-komischen Epos über Wunden in der Landschaft und den Seelen der Menschen, erzählt Eva Menasse von einer kleinen österreichischen Stadt als Schauplatz der Weltpolitik: In den Spätsommertagen des Jahres 1989 wird auf einer Wiese am Stadtrand ein Skelett ausgegraben, und eine junge Frau verschwindet. Wie in einem Spuk tauchen Spuren des alten Verbrechens auf und konfrontieren die Dunkelblumer mit einer Vergangenheit, die sie längst für erledigt hielten.

Mit ihrem Bruder Robert und ihrer Schwägerin Elisabeth Menasse hat Eva Menasse bereits in den neunziger Jahren zwei Kinderbücher geschrieben, »Die letzte Märchenprinzessin« (1997) und »Der mächtigste Mann« [1998]. Sowohl für ihre journalistische als auch für ihre literarische Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Gerty-Spies-Literaturpreis, dem Heinrich-Böll-, dem Friedrich-Hölderlin-, dem Jonathan-Swift-Preis und dem Österreichischen Buchpreis. Außerdem war sie Mainzer Stadtschreiberin und Stipendiatin der Villa Massimo in Rom. Eva Menasse betätigt sich zunehmend auch als Essayistin und erhielt dafür 2019 den Ludwig-Börne-Preis. Sie lebt seit über zwanzig Jahren in Berlin.

Stand: 2022