23. ilb 06. – 16.09.2023

Tomas Espedal

Tomas Espedal wurde 1961 in Bergen, Norwegen, geboren, das er mehrmals verließ, zu dem er aber immer wieder zurückkehrte und wo er heute lebt. Seine Art zu schreiben ist einzigartig. Ausgehend von seinen Tagebüchern, bilden die darin festgehaltenen Erlebnisse oft den Erzählfaden für einen Roman. Espedals Sprache ist einfach und ehrlich, verzichtet auf Ausschmückungen und bringt dadurch eine Art autobiografischer poetischer Prosa hervor. Erzählen ist für ihn im wahrsten Sinne des Wortes Handwerk, da er nur mit Stift auf Papier schreibt, die so notierten Wörter und Sätze dreht und wendet, umschreibt oder ganz verwirft, bis sie wahrlich standhalten und aufs Wesentliche zugespitzt sind. Als Sohn einer Fabrikarbeiterfamilie, der sich dazu entschloss, Schriftsteller zu werden, und dadurch mit der Tradition brach, fand er sich in Thomas Manns Epos »Buddenbrocks« wieder und thematisierte diese Frage der (künstlerischen) Identität in mehreren seiner Werke.
1988 gab er sein literarisches Debüt mit der Erzählung »En vill flukt av parfymer« (Ü: Eine wilde Flucht vor dem Parfüm) über die Liebe und die Eifersucht eines jungen, in Rom lebenden Autors. Dass Wanderschaft eines der durchgehenden Motive seiner Arbeit darstellt, zeigt sich auch in seinem Roman »Gå. Eller kunsten å leve et vilt og poetisk liv« (2006; dt. »Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen«, 2011). Espedal erzählt darin von einem Mann, der sein geordnetes Leben als Familienvater für das eines Landstreichers aufgibt und sich zu Fuß auf eine ihn fordernde Reise von Norwegen durch Deutschland bis nach Südeuropa begibt – und in imaginären Gesprächen mit großen Denkern vor allem auf eine Reise zu sich selbst. 2009 erhielt der Autor für seine Erzählung »Imot kunsten« (dt. »Wider die Kunst«, 2015) den norwegischen Kritikerprisen und den Glydendalprisen. Im darauffolgenden Roman »Imot naturen« (2011; dt. »Wider die Natur«, 2014), der ihm den Brageprisen einbrachte, gewährt Espedal den Leser*innen Einblick in die Notizbücher eines fast vierzigjährigen Mannes, der »wider die Natur« für einige Jahre eine Beziehung mit einer Frau, die erst Anfang zwanzig ist, geführt hat. Nachdem ihn die Geliebte verlassen hat, zieht er sich in den Keller seines Hauses zurück, um Seiten über Seiten mit Schilderungen der drei großen Lieben seines Lebens zu füllen. Protagonist und Erzähler seines Romans »Året« (2016; dt. »Das Jahr«, 2019) ist ein norwegischer Schriftsteller aus Bergen, der die Trennung von seiner deutlich jüngeren Geliebten verarbeitet. Zuletzt erschien von Espedal der burleske Kurzroman »Elsken« (2018; Ü: Liebend) über einen Mann, der nach dem Tod seiner Frau beschließt, sich noch einen schönen Tag zu machen und dann umzubringen, wobei er feststellt, wie schwer es ist, sich vom Leben abzuwenden – besonders wenn sich das Leben am schönsten zeigt.