23. ilb 06. – 16.09.2023

Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Ostberlin geboren. Sowohl ihre Großeltern Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck als auch ihre Eltern John Erpenbeck und Doris Kilias waren literarisch tätig. Erpenbeck absolvierte eine Lehre als Buchbinderin und arbeitete als Requisiteurin an der Staatsoper Berlin, bevor sie Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität und Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler studierte. An verschiedenen Opernhäusern und Theatern inszenierte sie Stücke vom Barock bis in die Moderne wie auch eigene Bühnentexte.

Mit der Novelle »Geschichte vom alten Kind« (1999) gab sie ihr Debüt als Prosaautorin. Von der Kritik wurde insbesondere die eigentümliche, zwischen Distanz und Introspektion changierende Sprache gelobt, mit der Erpenbeck diese zeitgenössisch-weibliche Variation des Kaspar-Hauser-Mythos auskleidet. Eine Bühnenadaption feierte 2003 am Staatstheater Kassel Premiere. Nach dem Erzählband »Tand« (2001) explorierte Erpenbeck in »Wörterbuch« (2004) das komplexe Verhältnis von Sprache und Erinnerung. Während dieser Roman an einem nur literarisch definierten Schauplatz spielt, wählte sie für »Heimsuchung« (2008) ein konkretes Haus an einem brandenburgischen See und dehnte den zeitlichen Rahmen vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart. Ihr Werk »Dinge, die verschwinden« (2009) versammelt eine Reihe von Miniaturen, die ironisch und hintergründig die Vergänglichkeit alles Seienden illustrieren. Der Vanitas nahm sich Erpenbeck noch expliziter in ihrem Roman »Aller Tage Abend« (2012) an. In fünf potenziellen Lebensläufen ein und derselben Figur werden die biografisch weitreichenden Folgen augenscheinlich winziger Abweichungen von den tatsächlichen Begebenheiten aufgezeigt. Dabei wird den Leser*innen ein interpretatorischer Freiraum eröffnet, um den schmalen Grat zwischen Zufall und Determinismus zu reflektieren. In ihrem Roman »Gehen, ging, gegangen« (2015) verknüpft die Autorin gesellschaftliche Entwicklungen wie die Flüchtlingsproblematik mit dem demografischen Wandel. Ein emeritierter Professor, der es nicht erträgt, dass sein altes Leben zu Ende ist, lernt afrikanische Asylsuchende kennen, die seit Jahren in Berlin darauf warten, dass das von ihnen erhoffte neue Leben endlich beginnt. 2018 erschien der Essayband »Kein Roman. Texte 1992 bis 2018«. Der Titel ihres aktuellen Romans, »Kairos« (2021), spielt auf den Gott des glücklichen Augenblicks an. Per Zufall treffen Hans und Katharina Ende der achtziger Jahre in Ostberlin aufeinander. Hans, fünfzig Jahre alt, ist Schriftsteller, verheiratet und hat einen Sohn. Katharina, neunzehn, macht eine Ausbildung zur Setzerin. Abwechselnd in die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer beiden Hauptfiguren eintauchend, zeigt Erpenbeck ein feines Gespür für innere Regungen, die Dynamik dieser besonderen Beziehung und zugleich für einen bedeutenden Abschnitt der deutsch-deutschen Geschichte.

»Jenny Erpenbeck ist die Epikerin des Augenblicks, in dem aus den Zufällen einer Vita Schicksal wird«, hieß es in der Begründung für den Joseph-Breitbach-Preis, den sie 2013 für ihr literarisches Gesamtwerk erhielt. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen wurde ihr 2017 das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Erpenbeck lebt in Berlin.