23. ilb 06. – 16.09.2023

Ece Temelkuran

Ece Temelkuran wurde 1973 im türkischen Izmir geboren. Noch vor ihrem Abschluss des Studiums der Rechtswissenschaften an der Universität Ankara 1995 begann sie als Journalistin für die älteste türkische Zeitung »Cumhuryet« zu arbeiten und veröffentlichte bereits 1996 ihr erstes Buch »Bütün Kadınların Kafası Karışıktır« [Ü: Alle Frauen sind verwirrt], in dem sie die hohen und oft widersprüchlichen Ansprüche anprangert, die die Gesellschaft an ihr Geschlecht stellt.

Als politische Kolumnistin schrieb sie von 2000 bis 2009 für die Tageszeitung »Milliyet« und auch regelmäßig Beiträge für internationale Medien. 2010 wechselte Temelkuran zur Zeitung »Habertürk«, für die sie Kolumnen schrieb und auf deren Fernsehsender sie bis 2012 eine eigene Sendung moderierte. Wegen eines regierungskritischen Artikels wurde sie entlassen, fand aber eine neue publizistische Heimat u. a. bei dem Netzmagazin »Guernica« sowie bei den Zeitungen »The Guardian« und »BirGün«. Temelkurans investigative Recherchen und Veröffentlichungen zu kontroversen Themen wie dem Kurdenkonflikt, der Frauenbewegung sowie politischen Gefangenen wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem vom deutschen Staat ausgelobten Preis für die beste Journalistin des Jahres [1996] und dem Pen for Peace [2001].

Neben ihren dokumentarischen Büchern wie »Ağrı’nın Derinliği« [2008; Ü: Die Tiefe von Agri], einer nuancierten Darstellung des blutigen Grabens zwischen der Türkei und Armenien, veröffentlichte Temelkuran auch Lyrik. So begibt sie sich in »İç Kitabı« [2002; Ü: Das innere Buch] auf eine poetische Reise zu einem unentdeckten Kontinent in sich und lädt in ihrer Gedichtsammlung »Book of the Edge« [2010; Ü: Buch des Randes] die Leser:innen ein, zu Forschenden zu werden, die auf die Ignoranz und Grausamkeit ihrer menschlichen Existenz hin befragt werden.

2010 erschien ihr erster Roman »Muz Sesleri« [Ü: Bananengeräusche], der abwechselnd von zwei jungen Frauen erzählt, die eine von den Philippinen in den Libanon geschickt, die andere eine türkische Studentin – zwei Leben, die zunächst überhaupt keine Verbindung zu haben scheinen, deren Geschichten sich dann aber in Beirut kreuzen. Temelkurans Roman »Düğümlere Üfleyen Kadınlar« [2013; dt. »Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann?«, 2014] bezieht sich im türkischen Titel auf den vierten Vers der Koransure al-Falaq über den Schutz vor »bösen Weibern«, die in der Erzählung in der von Männern beherrschten arabischen Welt vor der Vergangenheit fliehen und sich selbst suchen. Der Roman wurde mit dem PEN Award [2016] und dem Edinburgh Literature Festival Award [2017] ausgezeichnet. Für »Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst« [2015], das einen schonungslosen Blick auf ihr Land voller Widersprüche wirft, wurde Temelkuran zur Botschafterin eines Neuen Europa ernannt. In ihrem Bestseller »Stumme Schwäne« [2017], in dem die aktuellen Zustände in der Türkei mitschwingen, erzählt sie aus der Perspektive zweier Kinder von einem Militärputsch. Das politische Sachbuch »Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur« [2019], in dem Temelkuran den internationalen Aufstieg des Populismus und den Niedergang der Demokratie unter die Lupe nimmt, stieß auf große Anerkennung und wurde in mehr als zehn Sprachen übersetzt. »Together: 10 Choices for a Better Now« [2021; dt. »Wille und Würde. Zehn Wege in eine bessere Gegenwart«, 2022] ist ein aktuelles Manifest, das dazu auffordert, den Mächtigen und ihren zerstörerischen Systemen das Misstrauen auszusprechen und die Gegenwart selbst zu gestalten.

Temelkuran wurde 2019 zur Ehrenbürgerin von Palermo ernannt, weil sie den Unterdrückten eine Stimme gibt. Sie ist Ratsmitglied von Progressive International. Gegenwärtig ist sie Fellow am New Institute, Hamburg.

Stand: 2022