22. ilb 07. - 17.09.2022

Durs Grünbein

Durs Grünbein wurde 1962 in Dresden geboren. 1985 zog er nach Ost-Berlin, wo er ein Studium der Theaterwissenschaft begann. Schon bald entschied er sich für das Schreiben. Er beschäftigte sich autodidaktisch mit Quantenphysik und Neurologie, mit Philosophie, etwa Ludwig Wittgenstein, der Frankfurter Schule und den französischen Strukturalisten. Im Austausch mit Maler:innen, Fotograf:innen und Performance-Künstler:innen beteiligte er sich an verschiedenen Zeitschriften, Ausstellungs- und Verlagsprojekten. 1986 begegnete er Heiner Müller, der ihn mit Siegfried Unseld bekannt machte.

1988 erschien Grünbeins erster Gedichtband »Grauzone morgens« im Suhrkamp Verlag. Die Texte aus dem Zeitraum von 1985 bis 1988 vermitteln in nüchternen Momentaufnahmen einen authentischen Eindruck des Lebensgefühls in den urbanen Zentren der DDR. 1991 folgte der viel beachtete Band »Schädelbasislektion«, dessen Gedichtzyklen die Zeit vor, während und nach der Wende thematisieren. Mit illusionslosem Blick seziert Grünbein in geschliffener Sprache und mit zerebralen Motiven den Ort des Denkens. In »Falten und Fallen« [1994] setzt Grünbein sein poetisches Konzept der analytischen Lyrik zwischen Sprache und Physis fort: »Das Gedicht führt idealerweise das Denken in einer Folge physiologischer Kurzschlüsse vor. Jeder Entladung folgt sofort wieder ein Spannungsaufbau und umgekehrt. Die Energie hierfür liefert ein Komplex, der eigentlich nur unzureichend mit ›Körper‹ bezeichnet ist, weil er sehr viel tiefer unter die Haut geht.«

In den Gedichtbänden der folgenden Jahre suchte er formal und thematisch verstärkt den Dialog mit großen Dichterinnen und Dichtern der Weltliteratur. So ist zum Beispiel »Vom Schnee« [2003] ein Porträt des Philosophen René Descartes in Form eines epischen Gedichts aus 24 streng durchkomponierten Kapiteln. Unter dem Eindruck seines Rom-Aufenthalts als Stipendiat der Villa Massimo entstand »Aroma – Ein römisches Zeichenbuch« [2009], ein Kaleidoskop aus Gedichten und Prosabildern.

Zuletzt erschien mit »Äquidistanz« [2022] sein mittlerweile zwölfter Gedichtband. Als genauer, feinsinniger Beobachter nimmt Grünbein darin verschiedene Orte in Deutschland und Italien in den Blick, findet in der Gegenwart Spuren der Geschichte und bleibt stets darauf gefasst, sich auf seinen Streifzügen auch selbst zu begegnen.

Grünbein veröffentlichte außerdem mehrere Essaysammlungen, zahlreiche Katalogbeiträge, ein Opernlibretto sowie Neuübersetzungen von Theaterstücken der Antike. Sein Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt. 1995 erhielt Grünbein den Peter-Huchel-Preis für Lyrik und, als bis dahin jüngster Autor, den Georg-Büchner-Preis. Neben zahlreichen weiteren Ehrungen erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Preis, den Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung, den Pier-Paolo-Pasolini-Preis und den Tranströmer-Preis der Stadt Västerås. 2003 wurde ihm als erstem Nicht-Philosophen der Friedrich-Nietzsche-Preis verliehen. Seit 2009 ist er Mitglied des Ordens Pour le mérite.

Durs Grünbein lebt in Berlin.

Stand: 2022