Dieter Wellershoff wurde 1925 in Neuss geboren. Seine Jugend verlebte er im niederrheinischen Grevenbroich bis er sich unter dem starken Einfluss der Kriegspropaganda 1943 noch als Schüler freiwillig an die Front meldete. Schon bald sah er sich angesichts der „blutigen Wirklichkeit des Wortes ‚Schlachtfeld’“ aller falschen Ideale beraubt. Erst 50 Jahre nach Kriegsende konnte er diese ernüchternden Erfahrungen als Soldat in seinem autobiografischen Buch „Der Ernstfall“ (1995) literarisch verarbeiten.
Nach dem Krieg studierte Wellershoff Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie in Bonn. Seine Dissertation über Gottfried Benn aus dem Jahr 1952 gilt bis heute als ein literaturwissenschaftliches Standardwerk. Er war Mitglied der einflussreichen Gruppe 47 und in den 1960er Jahren Begründer der „Kölner Schule des neuen Realismus“, die, inspiriert vom Nouveau Roman, eine realistische Beschreibungsliteratur vertrat. 1966 erschien sein Debütroman „Ein schöner Tag“.
Dieter Wellershoff hat die deutsche Literaturlandschaft seit den 1950er Jahren geprägt: als freier Schriftsteller und Kritiker, als Literaturwissenschaftler an Universitäten im In- und Ausland und nicht zuletzt durch seine Tätigkeit von 1959 bis 1981 als Lektor beim Verlag Kiepenheuer & Witsch. Sein eigenes literarisches Werk ist mit Gedichten, Erzählungen, Romanen, Hörspielen, Drehbüchern, literaturtheoretischen Essays und autobiografischen Texten ebenso umfangreich wie vielseitig. Er erhielt mehrere renommierte Auszeichnungen, darunter 1988 den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln. 2001 wurde er für sein Gesamtwerk und insbesondere für seinen Roman „Der Liebeswunsch“ (2000) sowohl mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis als auch mit dem Joseph-Breitbach-Preis gewürdigt. Zu Wellershoffs weiteren Ehrungen zählen der Niederrheinische Literaturpreis der Stadt Krefeld (2002) oder der Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik (2005).
Mit analytischem Blick, der akribisch bis zu den kleinsten Details vordringt, nähert sich Wellershoff seinen Sujets. Seine Romane entfalten ihre intensive Wirkung vor allem durch die beklemmend präzise Darstellung der Figuren als „illusionsanfällige Wesen, die dazu neigen, auf der Suche nach dem richtigen Leben in die Falle der eigenen Phantasien zu gehen“, wie Wellershoff sie selbst einmal charakterisierte. Der Ausbruchsversuch aus einem als falsch empfundenen Leben durch eine ersehnte, letztlich enttäuschte Leidenschaft sprengt in „Der Liebeswunsch“ nicht nur das Beziehungsgeflecht zweier Paare, sondern endet auch für die Hauptfigur Anja fatal.
Anschließend legte Wellershoff mit dem Essayband „Der verstörte Eros“ (2001) eine kulturanalytische, psychologisch motivierte Literaturgeschichte der sublimierten Leidenschaften von Goethe bis Houellebecq vor. Nach weiteren Veröffentlichungen erschien zuletzt die Sammlung „Der lange Weg zum Anfang“ (2007). Hier äußert sich Wellershoff zu einem breiten Themenspektrum, das von Kultur und Gesellschaft, Politik, Moral, Literatur bis hin zum Leben selbst reicht. Wellershoff ist Mitglied der der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur und des deutschen P.E.N.-Zentrums. Er lebt in Köln.
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