23. ilb 06. – 16.09.2023

Demir Özlü

Demir Özlü wurde 1935 in Istanbul geboren. Er studierte dort Jura und ging nach seinem Abschluss 1959 nach Frankreich, wo er 1961/62 an der Sorbonne Philosophie studierte. Anschließend arbeitete Özlü in der Türkei als Assistent für Rechtsphilosophie an der Universität, später als Rechtsanwalt. Nach der militärischen Machtübernahme 1971 übernahm er die Verteidigung der Deniz-Gezmiþ-Gruppe – prominente Widerstandskämpfer, die später zum Tode verurteilt wurden. Als die Repressalien der Polizei gegenüber Özlü in dessen zeitweilige Verhaftung mündeten, emigrierte er nach Stockholm.

Özlü ist wie viele türkische Schriftsteller seiner Generation vom französischen Existenzialismus beeinflusst. Er debütierte mit Gedichten in der Zeitschrift »Türk Dili« und schrieb später Erzählungen, die zunächst anti-bürgerlich und individualistisch geprägt waren. Für seinen zweiten Kurzgeschichtenband »Soluma« (1963; Ü: Einatmen) wurde ihm 1964 der Erzählerpreis der türkischen Sprachgesellschaft Türk Dil Kurumu verliehen. Nach seiner Rückkehr aus Paris gründete er mit den Schriftstellern Ferit Edgü und Güner Sümer die Literaturzeitung »Mavi« (Blau) und rief damit die gleichnamige literarische Bewegung ins Leben. Seine Werke thematisieren bevorzugt das großstädtische Leben und zeichnen mit souveräner Leichtigkeit vielschichtige Porträts der Stadt und ihrer Bewohner. Meist ist Istanbul ihr Schauplatz, so in »Bir Beyoðlu Düþü« (1985; dt. »Ein Istanbuler Traum«, 1987). Hier wird vor dem Hintergrund des kosmopolitisch geprägten Stadtteils Beyoðlu von einem jungen Dichter und seiner unheimlichen Liebesbeziehung erzählt. Ebenfalls ins Deutsche übersetzt wurde »Istanbul büyüsü« (1994; dt. »Der Beginn einer Liebe. Geschichten aus Istanbul«; 2002), impressionistische Miniaturen aus dem urbanen Alltagsleben. In »Stockholm Öyküleri« (1988; Ü: Erzählungen aus Stockholm) gibt die schwedische Metropole und Wahlheimat des Autors den Schauplatz ab, ebenso wie in »Sürgünde 10 Yýl« (1990; Ü: Zehn Jahre im Exil). 1989 verbrachte Özlü als Stipendiat des DAAD drei Monate in Berlin. Angeregt von diesem und anderen Aufenthalten in der deutschen Hauptstadt entstanden die Werke »Berlin Güncesi« (1989; Ü: Berliner Tagebuch) und »Berlin’de Sanrý« (1987; dt. »Berliner Halluzination«, 1992).

1989 erhielt Özlü den bedeutenden Sait-Faik-Preis und im darauffolgenden Jahr den Orhan-Kemal-Romanpreis für »Bir Yaz Mevsimi Romansý« (1990; Ü: Eine Sommerromanze). Seine Geschichten erschienen in verschiedenen deutschen Literaturzeitungen und Anthologien. Neue Übersetzungen seiner Werke ins Deutsche sind in Vorbereitung. Özlü lebt seit 1979 mit seiner Frau und zwei Söhnen in Stockholm und ist seit 1990 wieder häufig zu Gast in seiner Heimatstadt Istanbul.

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