22. ilb 07. - 17.09.2022

Dag Solstad

Dag Solstad wurde 1941 im norwegischen Sandefjord geboren. Er trat in den sechziger Jahren mit experimentellen Prosastücken hervor und veröffentlichte inzwischen fast dreißig Bücher, darunter vor allem Romane, aber auch Novellen, Dramen und Sammelbände. Mit »Arild Asnes« (1970), der Geschichte eines jungen Mannes, der einen gewaltsam herbeigeführten Wandel der Gesellschaft für notwendig hält, begann Solstad eine Reihe von politischen Romanen, zuletzt »Gymnaslærer Pedersens beretning om den store politiske vekkelsen som har hjemsøkt vårt land« (1982; Ü: Gymnasiallehrer Pedersens Bericht über die große politische Erweckung, die unser Land heimgesucht hat). Die Verfilmung des Romans lief 2006 in den Kinos an. 1982 veröffentlichte Solstad außerdem zusammen mit dem Krimiautor Jon Michelet ein Buch über die Fußballweltmeisterschaft (»VM i fotball 1982«), dem bis 1998 alle vier Jahre ein weiteres folgte.

In späteren Werken rückte Solstad verstärkt die Bewusstseinszustände und Schicksale von Individuen in den Mittelpunkt und gab angesichts der Ausbreitung der modernen Konsumgesellschaften die Hoffnung auf politischen Wandel auf. Der Roman »Ellevte roman, bok atten« (1992; dt. »Elfter Roman, achtzehntes Buch«, 2004) entwirft in präziser Prosa, die sich weitgehend auf einen inneren Monolog beschränkt und Fakten kommentarlos präsentiert, die Figur eines Einzelgängers, dem die Anpassung an eine gesellschaftliche Rolle ebenso wenig gelingt wie die Auflehnung dagegen. »Professor Andersens natt« (1996; dt. »Professor Andersens Nacht«, 2005) schildert die existenziellen Schwierigkeiten des Vertreters einer gesellschaftlichen Elite, die sich über ihre Unangepasstheit definiert. Auch »Genanse og verdighet« (1994; dt. »Scham und Würde«, 2007) thematisiert die Unzufriedenheit des Individuums mit den Rollen, die es zu spielen hat. »T. Singer« (1999; dt. 2019) ist die Geschichte eines 34-jährigen Bibliothekars, der Oslo verlässt und in der Provinz ein neues, anonymes Leben beginnen will. Er heiratet eine alleinerziehende Mutter und findet zunächst Gefallen an seiner Rolle als Ehemann und Stiefvater. Als er zwei Jahre später jedoch die Scheidung einreicht und seine Frau bei einem Autounfall umkommt, muss Singer begreifen, dass er mit seinem Versuch, Identität durch gewählte Isolation und nicht durch soziale Integration zu finden, gescheitert ist. In seinem autobiografischen Roman »16.07.1941« (2002) erzählt er von seinen langen und häufigen Spaziergängen durch die Straßen Berlins und reflektiert über die Vater-Sohn-Beziehung.

Solstad gilt als einer der bedeutendsten norwegischen Schriftsteller. Als bisher einziger Autor wurde er drei Mal mit dem Norwegischen Kritikerpreis ausgezeichnet. Neben anderen Ehrungen erhielt er den Literaturpreis des Nordischen Rates, den Gyldendalpreis, den Brage-Ehrenpreis und den Aschehoug-Preis. Solstad lebt in Oslo.