23. ilb 06. – 16.09.2023

Dacia Maraini

Dacia Maraini wurde 1936 in der toskanischen Stadt Fiesole unweit von Florenz geboren. 1938 siedelten die Eltern mit ihr nach Japan über, wo ihr Vater Fosco Maraini seine ethnologischen Studien betrieb. Weil die Eltern das faschistische Regime nicht unterstützten, wurde die Familie in diversen Lagern interniert. 1946 erfolgte die Rückkehr nach Italien, wo Maraini im sizilianischen Bagheria und nach der Trennung ihrer Eltern bei ihrer Mutter in Palermo aufwuchs.

Bereits mit dreizehn Jahren begann sie für die Zeitung der dortigen Scuola Garibaldi zu schreiben. Mit achtzehn Jahren zog sie zu ihrem Vater nach Rom, wo sie erste Kurzgeschichten veröffentlichte und 1957 Mitbegründerin der Zeitschrift »Tempo di letteratura« war.

Ihr Debütroman »La vacanza« [1962; dt. »Tage im August«, 1964] wurde sogleich zu einem internationalen, in über ein Dutzend Sprachen übersetzten Bestseller. Maraini beschreibt die Sehnsüchte der adoleszenten Protagonistin Anna, die während eines Sommerurlaubs ihre kindliche Unschuld verliert und zum ersten Mal eine existenzielle Leere erahnt. Außerdem setzte sich die beim Schreiben der ersten Fassung erst siebzehnjährige Autorin mit seinerzeit brisanten Themen wie der weiblichen Sexualität sowie der Gesellschaft im faschistischen Italien unter Mussolini auseinander. Anfang der Sechzigerjahre lernte sie Alberto Moravia kennen. Während ihrer langen Partnerschaft unternahmen sie zahlreiche Reisen, auf denen sie oft von befreundeten Intellektuellen wie Pier Paolo Pasolini begleitet wurden. In den Siebzigern begann Maraini sich politisch zu engagieren, insbesondere für Gleichberechtigung und Frauenrechte – Belange, von denen auch ihr literarisches Schaffen durchdrungen ist. Bis heute veröffentlichte sie 21 Romane sowie eine Vielzahl von Kinderbüchern, Erzähl-, Lyrik- und Essaybänden. Zudem verfasste sie Theaterstücke und Drehbücher, u. a. für Pasolinis »Erotische Geschichten aus 1001 Nacht« [1974]. Im Zentrum ihrer Prosa stehen oftmals historische wie zeitgenössische Frauenfiguren, die sich gegen Gewalt und bürgerliche Biederkeit behaupten. In »Il treno dell’ultima notte« [2008; dt. »Der Zug in die jüngste Nacht«, 2010] befasst sie sich mit der Aufarbeitung der Shoah während des Kalten Kriegs. Ihr jüngster Roman »Trio« [2020; dt. 2021] handelt von einer bedingungslosen Frauenfreundschaft während der Pest im Messina des 18. Jahrhunderts.

Seit 2006 ist Maraini Herausgeberin der von Carocci, Moravia und Pasolini begründeten Literaturzeitschrift »Nuovi Argomenti«. Ihr wurde die Ehrendoktorwürde des Middlebury College in Vermont, der John Cabot University in Rom, der Università Politecnica delle Marche in Ancona, der Università LʼOrientale di Napoli sowie der Universitäten in Foggia und Aquila verliehen. Außerdem wurde sie 1996 mit dem Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik ausgezeichnet, war für den Man Booker Prize 2011 nominiert und erhielt 2012 den Premio Campiello für ihr Lebenswerk.

Dacia Maraini lebt in Rom.

Stand: 2022