22. ilb 07. - 17.09.2022

Boris Chersonskij

Boris Grigorowitsch Chersonskij wurde 1950 in Czernowitz, Ukraine, geboren und studierte Medizin in Iwano-Frankiwsk sowie Odessa. Danach arbeitete er zunächst als Nervenarzt, bevor er Psychologe und Psychiater an der Landesklinik von Odessa wurde. Ab 1996 war Chersonskij am Lehrstuhl für Psychologie der National-Universität Odessa tätig; 1999 wechselte er an den Lehrstuhl für Klinische Psychologie.

Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen, u. a. zur Tiefenpsychologie sowie zu Familienkonflikten, folgte Chersonskij auch der schriftstellerischen Familientradition, die sein Großvater, der als Kinder-Nervenarzt unter dem Pseudonym Ro satirische Verse verfasst hatte, begründet und sein Vater Grigorij Chersonskij als Lyriker weitergeführt hatte. Boris Chersonskij publizierte seine ersten Gedichte bereits während des Studiums.

Vor und während der Perestroika war er Teil der Samisdat-Bewegung, die alternative, nicht systemkonforme Literatur auf nichtoffiziellen Kanälen verbreitete. Seine Werke wurden sowohl in der lokalen Presse in Odessa als auch im Ausland in Literaturzeitschriften und -anthologien abgedruckt.

Offiziell gab Chersonskij 1993 mit »Vos’ma častka« [Ü: Der achte Teil] sein literarisches Debüt. Vier Jahre später veröffentlichte er »Semejnyj Archiv«, eine Erzählung in Gedichtform, die 2010 unter dem Titel »Familienarchiv« auch auf Deutsch erschien. Der Autor erzählt darin eine russisch-jüdische Familiengeschichte entlang den Tragödien des 20. Jahrhunderts. Der Einfluss von Chersonskijs Tätigkeit als Psychologe zeigt sich nicht nur in seinen klaren poetischen Diagnosen, sondern auch darin, dass er den Menschen ins Zentrum seiner Dichtung stellt.

Zahlreichen weiteren Veröffentlichungen folgte 2014 der Lyrikband »Missa in tempore belli / Messa vo vremena vojny« [Ü: Messe in Zeiten des Krieges], in dem Chersonskij seine Eindrücke von der Maidan-Revolution verarbeitete. Ein Jahr später erschien mit »Otkrytyj dnevnyk« ein »offenes Tagebuch« über die Ukraine-Krise mit besonderem Blick auf Odessa.

»Odesskaja intelligencija« [2018; Ü: Die Intellektuellen von Odessa] ist eine Liebeserklärung an die Hafenstadt und ihre Dichter und Denker sowie im zweiten Teil eine Sammlung von Chersonskijs Gedichten, die der Stadt gewidmet sind. »Vklonytysja derevu« [2019] versammelt Texte, die vom Autor auf Ukrainisch verfasst oder von anderen übersetzt wurden. Die zweibändige, zweisprachige Ausgabe »Raspečatka / Rozdrukivka« [2020], ein Querschnitt durch sein lyrisches Werk, erschien zu seinem 70. Geburtstag.

Für sein literarisches Schaffen wurde Chersonskij vielfach geehrt, u. a. mit dem Preis des Kievskie lavry-Poesiefestivals [2008], mit dem Sonderpreis der Jury beim Literaris-Preis für osteuropäische Literatur [2010] sowie dem Maksym Kyrijeno-Woloschyn-Literaturpreis [2019] für sein »Odessaer Tagebuch«. Der Autor lebt in Odessa.

Stand: 2022