23. ilb 06. – 16.09.2023

Bernlef

Bernlef (früher auch: J. Bernlef) wurde 1937 als Hendrik Jan Marsman in Sint Pancras, einem Dorf nördlich von Alkmaar, Niederlande, geboren. Nach dem Abitur 1955 arbeitete er bis zur Einberufung zum Militärdienst in einer Buchhandlung. Die ersten Gedichte erschienen in den späten fünfziger Jahren in einer Zeitschrift unter seinem richtigen Namen, bis ein Rezensent Parallelen zu einem verstorbenen Lyriker gleichen Namens zog. Zwischen 1958 und 1960 hielt sich Bernlef wiederholt in Schweden auf, wo er ernsthaft mit dem Schreiben begann. Zurück in den Niederlanden veröffentlichte er 1960 gleich zwei Titel: den ersten Gedichtband „Kokkels” (1960, Ü: Muscheln) sowie „Stenen spoelen” (Ü: Steine waschen), einen Erzählband. Sein erster Roman „Stukjes en beetjes” (Ü: Stückchen und Bisschen) kam 1965 heraus. Seither schrieb er zahlreiche weitere Gedichte und Erzählungen, einige Essays, Drehbücher und Theaterstücke sowie Kritiken und zwei Bücher über Jazz. Er übersetzte aus dem Schwedischen unter anderem Lars Gustafsson, Per Olof Sundman und Tomas Tranströmer sowie aus dem Amerikanischen Elizabeth Bishop und Marianne Moore. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1984 den Constantijn-Huygens-Prijs für sein Gesamtwerk und 1994 den renommierten PC Hooft-Prijs für Lyrik. Einfluss auf die niederländische Literatur nahm Bernlef auch durch die theoretisch-experimentelle Auseinandersetzung mit Sprache und Text. 1958 gründete er mit den Dichtern K. Schippers und G. Brands die Zeitschrift für Texte „Barbarber” (erschienen 1958 bis 1971), in der sie postulierten, jeder Text könne Literatur sein. In diesem Sinne widmeten sie sich literarischen Experimenten, inspiriert von Dada, Readymades und Alltagssprache. 1977 bis 1987 war Bernlef Redakteur der Literaturzeitschrift „Raster”, die sich mit dem Grenzbereich zwischen Lyrik und Prosa beschäftigte.

Bernlef interessiert in seinen Gedichten und seiner Prosa vor allem die Frage, inwieweit sich subjektives und objektives Erleben, Erinnern und Vergessen, Beobachtung und Wahrnehmung in Sprache fassen lässt. So auch in seinem bekanntesten Roman „Hersenschimmen” (1984; dt. „Hirngespinste”, 1986). Bernlef schildert distanziert durch seinen klaren, nüchternen Sprachstil die innere Erfahrungswelt eines Alzheimerkranken, den zunächst schleichenden, dann rapiden Verlust der Erinnerung und die daraus folgende Beziehungslosigkeit zur ehemals vertrauten Umgebung. Am Ende erreicht die Entfremdung ein Stadium, in dem sich sogar direkte Wahrnehmungen nicht mehr in Worte fassen lassen. Zuletzt veröffentlichte Bernlef den Roman „Op slot“ (2007). Der Autor lebt in Amsterdam.

Der Autor verstarb am 29. Oktober 2012. 

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