Bernard Friot

Portrait Bernard Friot
© Hartwig Klappert

Bernard Friot gehört zu den renommiertesten Kinder- und Jugendbuchautoren Frankreichs und versteht sich selber als »écrivain public«. Es ist vor allem die unmittelbare Begegnung von Leser und Schriftsteller, die ihn fasziniert und die er immer wieder sucht. Geboren wurde Friot 1951 bei Chartres, und seitdem hat er in vielen Städten Frankreichs und Deutschlands gelebt. Zunächst ergriff er den Beruf des Lehrers, bevor er Leiter des Bureau du Livre de Jeunesse in Frankfurt am Main wurde. Heute lebt er als Schriftsteller und Übersetzer in Besançon. Er hat eine Vielzahl von Kinder- und Jugendbüchern veröffentlicht, die mehrfach ausgezeichnet, in verschiedene Sprachen übersetzt und für die Bühne bearbeitet wurden.

Friots besondere Liebe gilt der Kurzprosa, die er mal ernst, ironisch und bissig, mal ausgelassen und mit viel Zartgefühl anlegt. Legendär sind seine »Histoires pressées« (1988ff; Ü: Eilige Geschichten), die zu den Klassikern der französischen Kinderliteratur zählen – es sind Geschichten für Menschen in Eile, Geschichten, die der Leser wie ein Bonbon auf der Zunge zergehen lassen oder auch zerbeißen kann, bei denen er zwischen den Zeilen lesen muss oder die er selbst zu Ende spinnen kann. Im Stile Gianni Rodaris haben Friots kurze Geschichten manches Mal sogar mehrere Enden, so in »Amanda chocolat« (2004; Ü: Schokoladen-Amanda).

In den vergangenen Jahren hat sich Bernard Friot der längeren Erzählform zugewandt und neben Romanen wie »Folle« (2002; Ü: Verrückt) oder »C’est loin, Valparaiso?« (2004; Ü: Ist es weit nach Valparaiso?) den ergreifenden Jugendroman »Un autre que moi« (2003; Ü: Ein anderer, nicht ich) vorgelegt, der sieben Tage aus der bedrückenden Internatszeit des damals fünfzehnjährigen Autors nachzeichnet. Friot findet hier die Worte seiner Kindheit und Jugend und erzählt aus der Ich-Perspektive des jungen Bernard von der Kälte des Internats, der Gleichgültigkeit seiner Familie, dem Gefühl des Ausgeschlossenseins, der Fremdheit sich selber gegenüber und dem Bedürfnis nach Liebe. In der ihm eigenen Ökonomie der Worte beschreibt Friot eine Identitätssuche voller Pein und existentiellem Schmerz. »Un autre que moi« stieß bei Kritik und Publikum auf große Begeisterung und wurde in den White-Ravens-Katalog der Internationalen Jugendbibliothek München (2004) und in die Sélection du Prix des Lycéens allemands (2005) aufgenommen.

In seiner Lyriksammlung »Pour vivre. Presque poèmes« (2004; Ü: Um zu leben. Fast Gedichte) zeigt der Autor Momente intensiver Schönheit. Auf jeder Doppelseite des beeindruckenden Gedichtbandes schimmert eine neue Silhouette des Lebens auf. Friot evoziert die vielen Facetten menschlichen Seins – in zaghaften Annäherungen und ganz plötzlich mit großer Vehemenz und Zudringlichkeit. Er lädt ein, seine Freude und seine Träume zu teilen, aber auch seine Wut, seine Enttäuschungen und Zweifel. Anrührend und aufwühlend zeigen seine Gedichte die Komplexität des Lebens, das Grau des Alltags, das Schwanken der Grenzen und die Zerbrechlichkeit des Gleichgewichts.

Neben dem eigenen Schreiben ist das Übersetzen für Bernard Friot von großer Bedeutung – in seinen Augen eine ebenso künstlerische Tätigkeit wie das Schreiben selbst. Mehr als vierzig Titel hat er bisher aus dem Deutschen ins Französische übertragen, darunter Bilderbücher sowie Kinder- und Jugendromane von Quint Buchholz, Wolf Erlbruch, Peter Härtling, Christine Nöstlinger, Mirjam Pressler, Andreas Steinhöfel, Uwe Timm und Rafik Schami.

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