23. ilb 06. – 16.09.2023

Arnold Stadler

Arnold Stadler wurde 1954 in Meßkirch geboren und wuchs auf einem Bauernhof im Nachbardorf Rast auf. Er studierte katholische Theologie in München und Rom und anschließend Germanistik in Freiburg und Köln. In seiner Kindheit war er Ministrant und erlebte durch lateinische Gebete zum ersten Mal die Schönheit und Magie der Sprache. Diese frühe Beeinflussung schlägt sich in seinen Studien und seinem Werk nieder. Seine Dissertation schrieb er über »Das Buch der Psalmen und die deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts«, zwei weitere Publikationen widmen sich ebenfalls den Psalmen der Bibel. Die Übertragungen »Warum toben die Heiden und andere Psalmen« (1995) sowie »Die Menschen lügen. Alle« (1999) stellen die poetische Qualität der Psalmen heraus und verorten sie gleichzeitig im Kontext zeitgenössischer Sprache.

Seiner ländlich-bäuerlichen Herkunft, der Sehnsucht nach der noch gekannten, aber schon untergegangenen Welt, zollt Stadler in seinen autobiografisch geprägten Romanen Tribut. Auf der Suche nach dieser Heimat, in »Ich war einmal« (1989) und »Mein Hund, meine Sau, mein Leben« (1994) prägt sich ein typischer Grundton der Melancholie aus. Es ist keine heile Welt, die heraufbeschworen und gleichzeitig verlassen wird. Direkt neben den schmerzlichen Erfahrungen ist bei Stadler auch die Komik angesiedelt, mittels derer die scheinbare Idylle entblößt wird. Den weltlichen Gefühlen, vor allem der Einführung in die Liebe mit ihrem Glück und Unglück, widmet sich der Roman »Sehnsucht. Versuch über das erste Mal« (2002). Auch hier werden erhabene Gefühle durch Gesellschaftskritik, die mit ironischer Bissigkeit vorgetragen wird, gebrochen.

Stadlers Vorbilder und Wegmarken in der Literatur liegen vor allem bei den großen Erzählern, die Abschweifung und Ellipsen nicht scheuen, sondern als literarische Stilmittel benutzen. Schon dreizehnjährig las er Adalbert Stifters »Der Nachsommer«. Stadler blieb dem Dichter ein Leben lang verbunden, und 2005 veröffentlichte er mit »Mein Stifter« eine persönliche Annäherung und Hommage an seinen Wahlverwandten zu dessen 200. Geburtstag, die ihn auch gegen die Thomas Bernhardschen Angriffe in »Alte Meister« zu verteidigen sucht.

1994 setzte sich Martin Walser für Stadlers Werk in einem »Spiegel«-Essay ein. Im gleichen Jahr erhielt der Autor den Hermann-Hesse-Förderpreis. Ihm folgten zahlreiche weitere Auszeichnungen, u.a. der Nicolas-Born-Förderpreis und der Marie-Luise-Kaschnitz-Preis. Die Anerkennung kulminierte 1999 mit der Verleihung des Büchner-Preises und dem Verkaufserfolg des Romans »Ein hinreißender Schrotthändler«, der eine Liebesgeschichte in Dreieckskonstellation erzählt. Auch Stadlers neuester Roman, »Komm, gehen wir« (2007), erzählt von der Begegnung zwischen zwei Männern und einer Frau im Italien der siebziger Jahre und benennt deren Vorbilder explizit – Truffauts »Jules und Jim« und Pasolinis »Teorema«.

Der 2006 mit der Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin geehrte Autor lebt in Rast und Berlin.

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