22. ilb 07. - 17.09.2022

Anuk Arudpragasam

Anuk Arudpragasam wurde 1988 als Sohn einer tamilischen Familie in Colombo, Sri Lanka, geboren. Sein Studium der Philosophie an der Columbia University in New York schloss er mit einer Promotion ab.

2016 erschien sein Debütroman »The Story of a Brief Marriage« [dt. »Die Geschichte einer kurzen Ehe«, 2017], dessen Handlung lediglich einen Tag und eine Nacht während des Bürgerkriegs in Sri Lanka umspannt. In einem nicht genauer verorteten Flüchtlingslager treffen Dinesh, ein junger Mann, dessen Mutter auf der Flucht gestorben ist, und Ganga aufeinander. Durch eine arrangierte Ehe miteinander verbunden, bleibt ihnen – der Titel des Romans verrät es bereits – nicht viel Zeit miteinander.

Ohne politische Details zu erörtern, konzentriert der Roman sich auf die eindringliche Schilderung des Kriegsalltags und fokussiert dabei immer wieder auf Momente der Menschlichkeit. »Der Reichtum dieses erstaunlichen Debüts liegt in der präzisen Wahrnehmung und Beschreibung von Einzelheiten«, so die »FAZ«. Das Buch wurde mit dem DSC-Preis für südasiatische Literatur 2017 ausgezeichnet, stand auf der Shortlist für den Dylan Thomas Prize und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Anuk Arudpragasams zweiter Roman »A Passage North« [2021; dt. »Nach Norden«, 2022] spielt in Sri Lanka nach dem Ende des bewaffneten Konflikts, der das Land von 1983 bis 2009 geprägt hat. Krishan, ein hochgebildeter junger Mann aus der Mittelschicht, reist von Colombo aus Richtung Norden zur Beerdigung der Pflegerin seiner Großmutter, von der er vermutet, dass sie sich das Leben genommen hat. Dies ist der Ausgangspunkt für eine sich zwischen Erinnerungen, Tagträumen und freier Assoziation bewegenden Reflexion über die Geschichte Sri Lankas, die Auswirkungen der Gewalt auf das Leben der Einzelnen und nicht zuletzt über das Schuldgefühl, das damit einhergeht, von allem Übel verschont worden zu sein.

Kritiker:innen hoben erneut Anuk Arudpragasams genaue Beobachtungsgabe hervor. »Er ist ebenso begabt für atmosphärische, sinnliche Schilderungen, welche die Leser:innen nach Sri Lanka und Indien entführen, wie für die Untersuchung der Emotionen – Euphorie, Angst, Ungeduld, Befriedigung, Scham –, die unter der Oberfläche unseres Alltagslebens brodeln«, befand die »New York Times«.

Das Buch stand auf der Shortlist für den Booker Prize 2021. Anuk Arudpragasam verschweigt nicht den Einfluss literarischer Vorbilder wie Virginia Woolf, Marcel Proust und Robert Musil auf sein Werk; im Gegenteil sieht er jedes Buch als eine Art Ausbildung bei den Autor:innen, denen er nacheifern möchte. Während er bei seinem ersten Roman, speziell was die Verbindung von Körper und Bewusstsein angeht, Samuel Beckett und Péter Nádas heranzog, sind es bei seinem zweiten Roman Thomas Bernhard und Javier Marías, deren Spiel mit Abschweifungen und Rhythmus ihn inspiriert haben.

Für 2022 wurde Anuk Arudpragasam zum Fellow des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ausgewählt. Er lebt derzeit in Berlin.