22. ilb 07. - 17.09.2022

Antonio Ungar

Antonio Ungar, 1974 in Bogotá geboren, entdeckte schon früh das Universum der Bücher für sich, da seine Großeltern eine der ältesten Buchhandlungen des Landes führten. Bevor er Architektur studierte, ging er für ein Jahr nach Manchester. Später lebte er im Urwald am Orinoco, in Mexiko-Stadt, Barcelona und Jaffa. Er arbeitete nebenbei als Journalist und veröffentlichte in internationalen Zeitungen und Zeitschriften. 2005 erhielt er den Journalistenpreis Premio Nacional de Periodismo Simón Bolívar.

Schriftstellerisch debütierte Ungar 1999 mit dem Erzählband »Trece circos comunes« (Ü: Dreizehn gewöhnliche Zirkusse) – beunruhigenden Geschichten an der Grenze zwischen Realität und Wahn. »Das ganze Leben kann ein Spiel sein. Vielleicht können wir besser spielen, wenn wir verstehen, dass wir spielen und auch was gespielt wird«, schrieb der Autor über sein Debüt. »De ciertos animals tristes« (2001; tr: Über bestimmte traurige Tiere) handelt von Erinnerung und Freundschaft. In seinem ersten Roman »Zanahorias voladoras« (2004; Ü: Fliegende Mohrrüben) schildert der Protagonist, ein kolumbianischer Emigrant in Barcelona, seinen fortschreitenden körperlichen und mentalen Verfall. 2006 folgte der Roman »Las orejas del lobo« (Ü: Die Ohren des Wolfs), der aus der Perspektive eines kleinen rothaarigen Jungen, der wenig redet, die Welt der Erwachsenen beschreibt und ihre Unzulänglichkeiten bloßstellt. Als einschneidendes Erlebnis muss von dem Jungen der Verlust des Vaters verarbeitet werden, und auch das unstete Leben seiner Mutter setzt ihm zu. Ungars Interesse gilt aber auch den politischen Gegebenheiten in Lateinamerika. In »Tres ataúdes blancos« (2010; dt. »Drei weiße Särge«, 2012) – einem Thriller, der mit dem renommierten Premio Herralde geehrt, für den Premio Rómulo Gallegos nominiert, in sieben Sprachen übersetzt wurde und gegenwärtig verfilmt wird – nimmt Lorenzo, einzelgängerisch, übergewichtig und wenig gesellschaftsfähig, die Identität eines ermordeten Oppositionsführers an; die Geschichte spielt in Miranda, einem fiktiven Land in Lateinamerika. Mit schwarzem Humor als wesentlichem Merkmal wird Lorenzos Kampf gegen das herrschende totalitäre Regime erzählt. Der vielschichtige Roman, den ein direkter und schnörkelloser Stil prägt, erweist sich als Anklage der politischen Verhältnisse nicht nur in Kolumbien, sondern auch in anderen Ländern seines Heimatkontinents. In seinem Thriller »Mírame« (2018; Ü: Schau mich an) reflektiert Ungar über Einwanderung und Fremdenfeindlichkeit, nachdem er 2016 mit »Corazón de león« (Ü: Herz des Löwen), einer Geschichte über die kindliche Sicht auf Ordnung und Unordnung, auch als Kinderbuchautor debütiert hatte.

Antonio Ungar wurde 2005 für ein Stipendium an der University of Iowa ausgewählt und 2007 auf die Liste »Bogotá 39« der 39 besten lateinamerikanischen Schriftsteller unter 39 Jahren gewählt. Von Herbst 2020 an lebt er in Berlin.