22. ilb 07. - 17.09.2022

Anne Carson

Die kanadische Lyrikerin Anne Carson wurde 1950 in Toronto geboren. Sie studierte dort Literatur der Antike und war anschließend Professorin an verschiedenen nordamerikanischen Universitäten. Ihr schriftstellerisches Werk vereint ihr akademisches Fachgebiet auf unverwechselbare Weise mit den Gefühls- und Erfahrungswelten heutigen Lebens. Von Kritik und Publikum begeistert aufgenommen, gilt Carson, spätestens seitdem 1998 ihr Versroman »Autobiography of Red« (dt. »Rot«, 2001) erschien und über 25 000 Mal verkauft wurde, als eine der wichtigsten Stimmen zeitgenössischer Lyrik im englischsprachigen Raum.

»Rot« erzählt die Geschichte von Geryon, einem heranwachsenden, gedemütigten Außenseiter. Rot ist seine Hautfarbe, wie die des gleichnamigen Monsters, dessen Geschichte der antike Dichter Stesichoros erzählt. Geryon wird der Sage nach von Herakles’ Pfeil getötet, als dieser im Zuge seiner zwölf Arbeiten die rotbraune Rinderherde raubt, die von Geryon gehütet wird. In Carsons moderner Neufassung des antiken Mythos, die anfangs die Fragmente des Stesichoros zitiert, ist Herakles jedoch Geryons erste Liebe und seine größte Enttäuschung. Jahre später sehen sich beide in der vulkanischen Landschaft Argentiniens wieder, wo Geryons Liebe noch einmal aufglüht, um dann endgültig zu verlöschen.

Carson verzichtet in ihren Werken auf die Psychologisierung ihrer Figuren zugunsten einer um so prägnanteren Schilderung und folgt auch darin dem antiken Vorbild, mit dem sie freilich auf eigenständige Weise umgeht. Ironie, Pathos und Nüchternheit sind ungekünstelt verknüpft und bilden mit der kulturgeschichtlich anspielungsreichen Handlung einen vielschichtigen, spannungsgeladenen Text. Ebenso hybrid und gleichwohl wie aus einem Guss sind die episch fließenden freien Verse, in kurze Kapitel gegliedert und gelegentlich von Zitaten, Gedichten oder Prosastücken unterbrochen. Insofern ist auch der Untertitel der deutschen Ausgabe von Carsons zweitem auf Deutsch vorliegenden Buch »Glass, Irony and God« (1995; dt. »Glas, Ironie und Gott«, 2001) treffend gewählt: »Fünf epische Gedichte und ein Essay«. Auch »Decreation« (2005) vereint mit Gedicht, Essay und Operntexten die unterschiedlichsten Genres. Mit »Grief Lessons« (2007; Ü: Leidens-Stunden) legte sie zuletzt eine Übersetzung von vier wenig bekannten Tragödien des Euripides vor.

Anne Carson erhielt zahlreiche Stipendien und Preise, darunter den Lannan Award, den Pushcart Prize for Poetry, den Los Angeles Times Book Critics Award und den Griffin Poetry Prize. Für ihr 2001 erschienenes Werk »The Beauty of the Husband. A Fictional Essay in 29 Tangos« (Ü: Die Schönheit des Ehemanns. Ein fiktionaler Essay in 29 Tangos) wurde sie mit dem T.S. Eliot Prize for Poetry ausgezeichnet. Sie lehrt derzeit Literatur der Antike, Vergleichende Literaturwissenschaft und Englisch an der Michigan University.

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